Wanderreiten in Deutschlands grüner Mitte:

Unbekanntes schönes Lahn-Dill-Bergland


Text und Fotos: Heike Gruber

Wer kennt sie nicht: die hessischen Mittelgebirge Westerwald, Taunus, Vogelsberg, Lahn-Dill-Bergland… Halt, was war das letzte? Lahn-Dill-Bergland? Wo ist das denn? Na mitten in Hessen. Und es ist ein Paradies für Wanderreiter und -fahrer. Glauben Sie nicht? Dann fahren Sie doch mal hin!

Grüne Hügel so weit das Auge blickt, herrliche Aussichten, schmucke Fachwerkstädtchen, Ruhe und Abgeschiedenheit – wie ein landschaftliches Kleinod liegt das unter Reitern und Fahrern noch weitgehend unbekannte Lahn-Dill-Bergland im Städtedreieck Siegen, Marburg und Gießen, eingerahmt von den beiden namensgebenden Flüssen Lahn und Dill. Naturräumlich gesehen ist das Lahn-Dill-Bergland Teil des Gladenbacher Berglandes, einem Mittelgebirge, eingebettet zwischen Rothaargebirge, Westerwald, Taunus und Westhessischem Bergland. Erst 2007 wurde hier der Naturpark Lahn-Dill-Bergland ins Leben gerufen, ein Tribut an eine Kultur- und Naturlandschaft, deren Schönheit und Vielfalt es zu erhalten gilt. Für Wanderreiter und -fahrer ist das Lahn-Dill-Bergland ein lohnenswertes Ziel, denn neben den landschaftlichen Reizen trifft man hier auf eine gute reittouristische Infrastruktur und ein liberales Reitrecht.

Von der Wanderreitstation in Hirzenhain ...
... lassen sich wunderbare Kutschfahrten unternehmen.


Auf rund 530 Metern Höhe liegt das kleine Dorf Hirzenhain. Hier betreibt Sabine Kost in ihrem mit viel Liebe restaurierten wunderhübschen Fachwerkhof eine kleine VFD-Wanderreitstation (VFD = Verein der Freizeitreiter und -fahrer). Von hier aus lassen sich nicht nur ausgedehnte Reittouren, sondern auch Kutschfahrten unternehmen. Auch für heute hat Sabine ihre beiden Pferde eingespannt, um uns die Umgebung rund um Hirzenhain vom Kutschbock aus zu zeigen. Fröhlich klappern die Hufe der Pferde auf dem Asphalt, aber nach kurzer Zeit biegen wir auf einen Waldweg ein und schon umfängt uns die Stille und Frische des Buchenwaldes. Die Sonne blitzt durch das Grün des dichten Blätterdaches, die Vögel zwitschern, binnen kürzester Zeit sind Anstrengung und Stress der Anfahrt vergessen. Immer wieder öffnet sich der Wald und gibt die Sicht frei auf die liebliche Berglandschaft; rechts und links des Weges blüht der Ginster in voller Pracht.

Über die Hälfte des Lahn-Dill-Berglandes ist mit Wald bedeckt. Eichen, Buchen und Erlen bilden ein abwechslungsreiches Bild im Wechsel mit weitläufigen Wiesenflächen, auf denen im Sommer Pfeifengras, Arnika, Blutwurz und Frauenmantel blühen. Steil geht es bergauf, die Pferde haben gut zu tun, um die Kutsche im Fluss zu halten. Dann ist eine Hochfläche erreicht, weit schweift der Blick vom Hirzenhainer Segelflugplatz, einem der ältesten Segelfliegerorte Deutschlands, über die gegenüberliegenden Hauberge im Dietzhölztal. Hauberge sind eine für diese Region typische Form der genossenschaftlichen Waldbewirtschaftung. Ursprünglich für die Gewinnung von Holzkohle und Gerblohe und den Anbau von Roggen und Buchweizen angelegt, dienen sie heute fast ausschließlich der Brennholz- und Industrieholzgewinnung. Hier oben beginnt auch der „Hirzenhainer Höhenflug“, einer von zahlreichen wunderschönen Wandertouren durch die Region.

Immer wieder öffnet sich Landschaft und gibt den Blick frei auf weitläufige grüne Hügel.


Nur unweit von Hirzenhain, in Dillenburg, befindet sich die Wiege der hessischen Pferdzucht: das Hessische Landgestüt Dillenburg. Aber auch das 1869 gegründete Gestüt muss sich dem Wandel der Zeit unterwerfen. Neben den klassischen Aufgaben eines Landgestüts, der Bereitstellung von Spitzenhengsten für die Zucht, soll hier deshalb ein Kompetenzzentrum für Pferdezüchter und Pferdesportler entstehen. Das umfangreiche Angebot des Gestüts umfasst Seminare und Fachveranstaltungen und Lehrgänge mit Abzeichenprüfung.

Nicht nur Freunde des Islandpferdes zieht es in den nördlichsten Zipfel des Lahn-Dill-Berglandes, nach Biedenkopf-Wallau. Hier liegt die Saga-Reitschule Hainbachtal von Claudia und Heiko Mönck. Aus einer ehemaligen Geflügelfarm haben die beiden Agraringenieure eine großzügige Reitsportanlage gestaltet, idyllisch und einsam, inmitten von Wäldern und Wiesen gelegen. Der Hof ist idealer Ausgangspunkt für Reittouren entlang der Lahn oder auch zum beliebten Aussichtspunkt „Sackpfeife“, der mit 674 Metern Höhe höchsten Erhebung des Lahn-Dill-Berglandes. Von der Plattform des Aussichtsturmes reicht der Blick weit über die Höhenzüge des Mittelgebirges, bei klarer Sicht sogar bis zum Taunus.

Auf Isländern unterwegs zur Sackpfeife, der höchsten Erhebung des Lahn-Dill-Berglandes.


Die Sackpfeife ist auch das Ziel unserer kleinen Reittour. Munter tölten wir auf den Mönck`schen Isländern durch den erfrischend kühlen Wald. Dann geht es steil bergauf, zwischendurch halten wir an, um den Ponies eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Oben angekommen, werden wir von Heiko Mönck bereits mit einem leckeren Picknick erwartet. Heiße Würstchen, ein kühles Radler, da sind Reiterherzen glücklich! Der einsetzende Regen beendet unser Picknick jäh, das Schauerwetter ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum heute nur wenige Besucher an dem beliebten Ausflugsziel sind. Sobald wir wieder unter dem schützenden Blätterdach des Waldes sind, stört der Regen kaum mehr. Wir passieren einen alten Bergwerkstollen, letzter Zeuge des Erzabbaus, der hier über das frühe Mittelalter bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet war. Sein Reichtum an mineralischen Rohstoffen wie Eisenerzen, Quecksilber und sogar Gold brachte dem Lahn-Dill-Bergland auch den Namen „hessisches Eisenland“ ein.

Die Pferde freuen sich, dass es nach Hause geht und sind gerne bereit für einen flotten Galopp. Das Tempo eines Ausrittes passt Claudia immer dem Können der Reiter an. Anfänger machen auf dem Handpferd ihre ersten Geländeerfahrungen, mit den Fortgeschrittenen unternimmt sie auch mal längere Ausritte. Voraussetzung für die Teilnahme an einem solchen Ausritt ist bei den Möncks jedoch das Ablegen eines hofeigenen „Reitpasses“. Teil der Prüfung sind z. B. das richtige Führen eines Pferdes, das Reiten in allen Gangarten und das Überwinden kleiner Hindernisse.

Die Nacht verbringen wir im Gasthaus Decker, Wanderreitstation und pferdefreundliche Gaststätte in einem und ganz im Süden des Lahn-Dill-Berglandes gelegen. Der Wirt, Günter Decker, ist selbst passionierter Reiter und nimmt sich gerne die Zeit, uns beim vorzüglichen Abendessen auf ein Glas Gesellschaft zu leisten. Und das obwohl der Gastraum gut besucht ist, denn das Gasthaus Decker ist beliebt und bekannt für seine regionalen Speisen, wie Lemper Pfannekuchen oder „Dulges“, einen Kartoffelkuchen mit Dörrpflaumen. Reittouristen sind hier gern gesehene Gäste, und in Zukunft möchte Günter Decker seine Wanderreitstation mehr mit anderen vernetzen, um z. B. ausgearbeitete Touren für Reiturlauber anbieten zu können. Diese Region hat so viel zu bieten, sagt er und erzählt Geschichten vom Schinderhannes und von den Überresten keltischer Siedlungen, die ganz in der Nähe zu bestaunen sind. Die Reiter werden im komfortablen Doppel- oder Einzelzimmer mit eigenem Bad untergebracht, die Pferde finden auf dem nur wenige Meter entfernten Reiterhof der Tochter Quartier.

Der Aartalsee im Süden des Lahn-Dill-Berglandes
Ein Hufschutz ist empfehlenswert.


Wir verlassen das Gasthaus Decker nach einem reichhaltigen Frühstück und machen uns auf zu unserem nächsten Ziel, dem Reiterhof „Pferde Stärken Menschen“ in Friedensdorf. Mirjam Hentschel und Angela Heck betreiben dort nicht nur ein Reit- und Therapiezentrum, sondern züchten außerdem erfolgreich Fjordpferde. Die „Fjordis“ wie die beiden Schwestern ihre kräftigen sandfarbenen Ponies mit dem markanten Aalstrich liebevoll nennen, sind aufgrund ihrer Stärke und ihrer Ruhe besonders gut für heilpädagogisches Reiten geeignet. Doch nicht nur das, erst kürzlich wurde der Hof von der Zeitschrift „Cavallo“ als eine der besten Reitschulen in der Region ausgezeichnet und auch für das Gelände sind Fjordpferde bestens geeignet. Davon können wir uns gleich selber überzeugen, denn auf Fjordpferden geht es heute von Friedensdorf nach Gladenbach-Römershausen zur Wanderreitstation Hollerhof von Alexandra Bohl und Marion Klein. Eine Tour, die einen Vorgeschmack auf großes Wanderreitvergnügen in der Region gibt. Durch lichten Mischwald geht es entlang wunderschöner Waldwege und munter gurgelnder Bäche, mal bergauf, mal runter, mal entlang breiter Wege, dann wieder auf schmalen Pfaden, auf denen wir uns unter den herunterhängenden Ästen ducken müssen. Oberhalb des Steinbruchs Rachelhausen rasten wir. Hier wurde zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Diabas abgebaut, ein besonders gefragter dunkelgrüner Stein, aus dem Pflastersteine, Fußbodenplatten oder auch Grabsteine gefertigt werden. Heute sind nur noch wenige Steinbrüche in der Region aktiv, die stillgelegten werden langsam von der Natur zurückerobert. Von unserem Picknickplatz oberhalb des Steinbruches haben wir eine herrliche Aussicht auf die grünen Hügel des Lahn-Dill-Berglandes. Gerne lassen wir uns hier eine Weile nieder und genießen den Moment.

Durch Wald und vorbei ...
... am Steinbruch Rachelshausen geht es zum Hollerhof.


Weiter geht es durch Wald und Wiese, immer wieder können wir auch ein gutes Stück traben oder galoppieren. Ohne Hufschutz sollte man hier jedoch nicht reiten, dafür sind die Wege oft zu steinig. Schließlich erreichen wir den Hollerhof, und welch ein schöner Hof das ist! Der alte Vierseit-Fachwerkhof zeigt sich heute an diesem strahlend schönen Sommertag von seiner absoluten Schokoladenseite. Wir sitzen auf der angenehm schattigen Terrasse, rundherum bunte Blumen und der Hollunder, übrigens Namensgeber des Hofes, steht in voller Blüte. Direkt neben uns schnauben die Pferde im Paddock und auf meinem Schoß schnurrt zufrieden zusammengerollt eine der Hofkatzen. Für Alexandra und Marion ist hier der Traum vom Pferd vor dem Küchenfenster war geworden. Mit viel Engagement und Arbeit haben sie den Hof in den vergangenen 13 Jahren saniert und renoviert und sind noch lange nicht fertig, wie sie selbst sagen. Wanderreiter finden hier immer eine Unterkunft, entweder in einem kleinen Ferienappartment direkt nebenan oder auch im Zelt. Für die Pferde stehen je nach Belieben Weide, Paddock oder Box bereit.

Neben der Wanderreiterei ist die akademische Reitkunst nach Bent Branderup nicht nur ein Hobby, sondern mittlerweile Beruf von Alexandra geworden. Mit ihrer mobilen Reitschule ist sie stets unterwegs zu Reitschülern in der ganzen Region. Unter dem Motto „Freizeitreiten mit Niveau“ bietet sie außerdem die Ausbildung von Jungpferden und die Korrektur von Reitpferden an.

Der Hollerhof - wunderschöne Wanderreitstation in Gladenbach-Römershausen


Wer sich nun nicht entscheiden kann, wo er denn eine Reise zu Pferd im Lahn-Dill-Bergland beginnen soll, der mache doch einfach eine Rundreise! 23 Wanderreitstationen machen mehrtägige Reittouren mit unterschiedlichsten Etappenlängen problemlos möglich. Der erst kürzlich erschienene Pocketguide „Naturpark Lahn-Dill-Bergland zu Pferd“ gibt einen Überblick über die reittouristische Infrastruktur und dient als erste Planungsgrundlage. Ob im Norden rund um die Sackpfeife, im Süden zwischen den Flüssen Aar und Dill oder in der Mitte der Region rund um Römershausen – wunderbare Reit- und Fahrwege gibt es hier überall. Und wann fahren Sie mal hin?

Weitere Informationen über das Lahn-Dill-Bergland und die reittouristische Infrastruktur gibt es auf www.lahn-dill-bergland.de. Hier kann man auch den Pocketguide „Naturpark Lahn-Dill-Bergland zu Pferd“ kostenlos beziehen.

Steckbriefe einiger Wanderreitstationen findet Ihr auch in unserem Gastgeberverzeichnis.

Noch mehr Fotos von der Reitregion Lahn-Dill-Bergland findet Ihr in unserem entsprechenden Flickr-Album.

 
 
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