Alpenzauber zu Pferd:

Auf Freibergern unterwegs im Dreiländereck Schweiz/Italien/Österreich


Text und Fotos: Heike Gruber

Allegra und Bainvgnüts! Im östlichsten Kanton der Schweiz, in Graubünden, begrüßt Men Juon seine Gäste heiter auf rätoromanisch. Vier Tage waren wir mit ihm und seinen trittsicheren Freibergern im Grenzbereich Engadin, Südtirol und Vinschgau unterwegs. Der „Drei-Länder-Ritt“ führte uns durch eine einzigartige Gebirgslandschaft: abenteuerlich und genussvoll, ein Höhenrausch und Blütenzauber, eine Reittour, die man gemacht haben muss!

Endlich Berge! Da hinten am Horizont sehen wir die ersten weiß bemützten Alpengipfel in den blauen Himmel ragen, als wir auf der Autobahn von München aus in Richtung Bregenz fahren. Und doch dauert es noch gute drei Stunden, eine Mittagspause bei Mac Donalds, zwei Alpenpässe und unzählige Haarnadelkurven, bevor wir an unserem Ziel ankommen, dem Reitstall und Saloon San Jon im Schweizer Engadin. Hier werden Martin und ich in den kommenden vier Tagen am „Drei-Länder-Ritt“, geführt von Men Juon teilnehmen.

„Es muss nicht immer Kanada sein“, so steht es im Flyer von San Jon zu lesen. Und fürwahr, wer einmal die kleine kurvenreiche Straße von Scuol hinauf zu dem auf 1.464 Metern Höhe gelegenen Wanderreitbetrieb gefahren ist, der pfeift auf Kanada. Der Hof liegt inmitten einer wunderschönen Hochgebirgslandschaft. „Dort hinten der Berg gehört schon zum Schweizer Nationalpark“ erklärt uns Men, Eigentümer und Betreiber des Wanderreitbetriebes, der übrigens Mitglied der Deutschen Wanderreiter-Akademie ist. Wir sitzen an einem der rustikalen Holztische vor dem Saloon und lassen uns die Sonne auf die Nasenspitze scheinen, während Men von den Anfängen seines Betriebes erzählt. Leise Countrymusik tönt aus den Lautsprechern, eine leichte frische Brise streicht angenehm über uns hinweg. Das Gelände hat Men von seinen Eltern übernommen und anfangs traditionell Milchvieh gehalten. Doch diese Art der Landwirtschaft rechnet sich kaum mehr, berichtet er. So kam ihm die Idee, es einmal mit Pferden auszuprobieren. Auf geliehenen Freibergern führte er die ersten Touren durch die faszinierende Bergwelt des Engadin. Und das kam an. Heute, über 20 Jahre später, stehen rund 60 Pferde hier oben, davon etwa 20 Pensionspferde. Und immer noch sind die meisten der Pferde Freiberger. Denn die kräftigen und robusten Tiere sind für die landschaftlichen Bedingungen und Anforderungen der langen Reittouren durch steiles und schwieriges Gelände wie geschaffen.

San Jon liegt vor wunderschöner Hochgebirgskulisse.


Hufgetrappel und Hundegebell unterbrechen unser Gespräch. Gerade kommt eine Gruppe Reiter von einer Wochenendtour zurück. Wir blicken in braun gebrannte und strahlende Gesichter, mit einem fröhlichen „Allegra!“ werden die Reiter von den Zuhausegebliebenen begrüßt. Morgen geht es auch für uns los! Der Anblick der munteren Reitertruppe lässt mich schon ganz kribbelig werden.

Am Abend ruft Men unsere Gruppe zu einem Vorgespräch zusammen. Gespannt hören wir ihm zu, was in den nächsten vier Tagen auf uns zukommt. Aber insgeheim ist jeder von uns begierig darauf zu wissen, welches Pferdchen man denn nun reiten darf. Der ein oder andere ist Nachmittags schon um die Paddocks geschlichen, vielleicht dieses hübsche dahinten, oder doch lieber den dunklen hier vorne …? Men hat ein Einsehen und geht mit uns hinüber zum Stall. Ich bekomme Aida, eine hübsche, zierliche Freibergerstute zugeteilt, sehr fleißig und wendig, sagt Men, und er soll Recht behalten.

Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen, wir wollen um 8:00 Uhr los reiten, denn die Etappen sind lang und anstrengend. Der erste Tag führt uns von San Jon aus über den Pass da Costainas auf 2.225 Metern Höhe und dann wieder hinab nach Santa Maria im Val Müstair, unserem ersten Etappenziel. Langsam setzt sich die Reitergruppe in Bewegung. An der Spitze Men, dahinter reihen wir uns einer nach dem anderen ein, denn die schmalen Wege lassen ein Nebeneinanderreiten oft nicht zu. Gemächlich geht es aufwärts, wir folgen einer gewaltigen Geröllschlucht nach S-charl, einem abgelegenen verträumten Sommerdorf am Rande des Nationalparks. Einst wurde hier Blei und Silber abgebaut, heute ist der Ort beliebter Ausgangspunkt für Wander- und Mountain-Bike-Touren. Wir lassen die Pferde am Dorfbrunnen das kühle Wasser trinken und erfrischen uns selbst bei einer kalten Rivella in der Dorfschänke. „Anfang des 20. Jahrhunderts wurde hier in S-charl der letzte Braunbär der Schweiz erlegt“, erzählt Men. „Und heute denkt man sogar darüber nach, ihn wieder heimisch werden zu lassen.“ Wissenswertes über ein Bärenleben können Besucher der Region übrigens seit Ende Juni 2010 erleben: „Senda da l’uors – Ein bärenstarkes Erlebnis“ heißt ein Bärenerlebnisweg, der neuerdings in S-charl beginnt.

Der Weg nach S-charl schlängelt sich durch Geröll und Fels.


Weiter geht es über steile und steinige Wege immer höher hinauf. Die Landschaft wird rauer, je höher wir kommen, der Duft nach Kiefern liegt in der Luft. Auf den mageren Wiesen entdecken wir die ersten blühenden Enziane, rundherum erheben sich die mächtigen bis zu 3.000 Meter hohen Gipfel von Piz Murtera, Mot Radond und Piz d´Astras. Gespannt suchen wir mit dem Fernglas die Felshänge ab, allzu gerne würden wir einen Steinbock sehen. Dann plötzlich horchen wir auf, ein Pfeifen: Murmeltiere! Tatsächlich erspähen wir nach einer Weile zwei der drolligen Tiere, die zwischen den Felsen herumtollen.

Schließlich erreichen wir den Pass da Costainas, der das Unterengadin mit dem Val Müstair verbindet. Weit öffnet sich hier die raue und wildromantische Gebirgslandschaft, nichts ist zu hören, außer dem Pfeifen der Murmeltiere und dem Schnauben der Pferde. Hier wollen wir rasten. Die Pferde können wir an einem stabilen Holzzaun anbinden, wir Reiter verzehren glücklich dicke Scheiben Salsiz und das frisch gebackene knusprige Brot. Anschließend strecken wir uns gemütlich auf der Wiese aus, im Blick den „God Tamangur“ (zu Deutsch „der Wald da hinten“). Still und mystisch breitet sich Europas höchstgelegener zusammenhängender Arvenwald an den Berghängen aus. Doch die uralten und knorrigen Arven sind noch viel mehr als das: Für die Rätoromanen, die sich um den Erhalt ihrer Kultur und sprachlichen Identität bemühen, ist er ein Symbol für Hartnäckigkeit und Überlebenswillen.

Am Pass da Costainas, auf über 2.000 Metern Höhe, rasten Ross und Reiter.


Was man hinauf geht, muss man irgendwann auch wieder runter, so ist das in den Bergen. Der Abstieg hinab nach Santa Maria ins Val Müstair ist lang und steil. Wir steigen ab und führen, um die Pferde zu schonen. Sicher wissen diese ihre Hufe in dem rutschigen Geröll zu setzen. Ich bin begeistert von der Trittsicherheit und dem Fleiß dieser Pferde, die heute an einem sonnigen Tag noch nicht einmal geschwitzt haben.

Was bin ich froh, dass am Abend eine wohltuende Dusche auf mich wartet! Ich spüre jeden einzelnen Muskel in meinen Beinen, die das lange Bergabgehen nicht gewöhnt sind. Auch der harte Westernsattel hat am ersten Reittag seine Spuren hinterlassen, der ein oder andere reibt sich verstohlen das Gesäß. Von unseren Schweizer Mitreitern ernten wir Deutschen schallendes Gelächter, als wir von unseren Blessuren erzählen, na wartet!

Zum Abendessen gibt es ein Drei-Gänge-Menü mit Köstlichkeiten aus der Region. „Wenn wir schon in drei verschiedenen Ländern unterwegs sind, dann sollt Ihr auch die jeweilige lokale Küche ein wenig kennen lernen“ sagt Men. Mit großem Appetit verspeisen wir die mit Mangold und Speck gefüllten Teigtaschen. Dazu gibt`s Sanbitter (ausgesprochen sanbittääärrr), kredenzt von dem ehemaligen italienischen Carabinieri, der die Welt nicht mehr versteht, als er hört, dass keiner von uns das bittere und knallrote Erfrischungsgetränk kennt.

Am nächsten Tag reiten wir entlang des rauschenden Gebirgsflusses Ilrom durch das Val Müstair in Richtung Italien. Am Kloster St. Johann machen wir Halt. Das 1983 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannte Benedektinerinnen-Kloster ist bekannt für den größten frühmittelalterlichen Wandmalereizyklus aus dem 9. Jahrhundert und eine romanische Bilderwelt des 12./13. Jahrhunderts in der Klosterkirche. Leider können wir keinen Blick darauf werfen, weil gerade ein Gottesdienst abgehalten wird. An diesem Abend erreichen wir das Vinschgauer Bauerndorf Burgeis, reich an kunsthistorischen Baudenkmälern, an Erkern, Torbögen, Fresken und Freitreppen. Schon von weitem können wir das weiß getünchte schlossartige Benediktinerkloster Marienberg sehen, die wohl höchstgelegene Benedektinerabtei Europas. Hoch oben am Himmel zieht ein Steinadler seine Kreise.

Auf dem Weg zur Brugger Alm


In der Nacht kühlt es kaum ab, trotz des offenen Fensters schwitzen wir in unseren Betten. Der Blick aus dem Fenster zeigt am nächsten Morgen die wolkenverhangenen Gipfel des Ortlermassivs, aber es bleibt trocken. Der Aufstieg aus dem Tal ist extrem steil. Kräftig stößt sich Aida mit ihren starken Hinterbeinen ab, wie eine Bergziege klettert sie den steilen und steinigen Hang hinauf. Weit nach vorne gelehnt spüre ich ihre Kraft und ihre Ausdauer. Laut bellend vertreibt Mens Hündin Mia die jungen Kühe vom Weg, verschreckt springen diese beiseite, um doch sofort wieder neugierig näher zu kommen. Der Weg windet sich immer weiter hinauf, durch Lärchen- und Kiefernwälder, vorbei an grünen Bergwiesen und kargen felsigen Hängen. Tief unter uns liegt blau und glatt der Reschensee, wer genau hinschaut entdeckt auch das Wahrzeichen der Region, den berühmten versunkenen Turm, von dem nur noch die Spitze aus dem Wasser ragt. Dann erreichen wir die malerisch gelegene Brugger Alm auf 1.920 Metern Höhe, unser Zwischenziel für diesen Tag. Wir sitzen auf den Bänken vor der Almhütte, verzehren unser Lunch und genießen die grandiose Aussicht. Die Wolken vom Morgen haben sich aufgelöst, die Sonne lässt die schneebedeckten Gipfel rundherum erstrahlen – ein Bilderbuchpanorama.

An diesem Nachmittag überqueren wir die Grenze zu Österreich und mir scheint, als wären wir im Paradies angekommen: Ich bin überwältigt von der schier unendlichen Blütenpracht der Bergwiesen und -matten. Gelb leuchtende Schlüsselblumen, tiefblauer Enzian, Trollblumen, Alpenmohn und Veilchen bilden einen einzigen Blütenteppich. Berauscht von diesem Blütenzauber reiten wir oberhalb des Reschenpass hinab nach Nauders. Das auf einem Hochplateau oberhalb des Inntals gelegene Bergdorf blickt auf eine lange und bewegte Geschichte zurück. Schon in vorrömischer Zeit verband hier ein Saumpfad das obere Inntal mit dem Vinschgau im Süden und später führte die berühmte römische Kaiserstraße „Via Claudia Augusta“ durch den Ort.

Der Reschensee liegt tief unter uns im Tal.
Eine Blütenpracht wohin das Auge blickt


Von Nauders aus ist es nicht mehr weit bis zur Norbertshöhe auf 1.407 Metern Höhe, unserem heutigen Etappenziel. Die Pferde erwartet eine wohlverdiente Nachtruhe im lichten Kiefernwald. Glücklich schauen wir ihnen zu, wie sie sich zufrieden wälzen, schnauben und dann zu fressen beginnen. Ganze 43 Kilometer und über 2.000 Höhenmeter haben sie an diesem Tag überwunden – Chapeau!

Viel zu schnell ist der vierte und letzte Reittag da. Meine Beine und auch mein Allerwertester haben sich an die Anstrengungen gewöhnt, ich finde, ich sitze schon wie ein alter Cowboy im Sattel. Steil geht es hinunter zum Örtchen Sclamischot, hier hat sich der Inn eine enge Schlucht gegraben, milchig weiß fließt das Wasser schnell entlang der steilen Talwände. Der Weg führt mal nah am Ufer, dann wieder bergauf – stets begleitet uns das Rauschen des Flusses dabei. Der Schnee ist spät geschmolzen in diesem Jahr, sodass der Fluss noch viel Wasser mit sich führt. An manchen Stellen tritt er sogar über die Ufer, ohne zu zögern tragen uns die Pferde durch die kalten Furten. Weiter geht es durch Wald und Wiese, ab und zu begegnen uns Fahrradfahrer, Wanderer und Spaziergänger. „Allegra!“ tönt es immer wieder fröhlich. Wir sind wieder in der Schweiz.

Ohne Zögern tragen uns die Pferde durch die kalten Furten des Inn.


Ein letzter steiler und langer Anstieg führt uns hinauf zu den Wiesen rund um San Jon. Nein, eigentlich möchte ich noch gar nicht ankommen, möchte noch weiter auf dem Rücken meiner fleißigen Aida durch diese wunderschöne Gebirgslandschaft reiten, mich vom Anblick der Gipfel und vom würzigen Duft der Blumenwiesen berauschen lassen. Aber dann liegt San Jon vor uns, fröhlich winkend kommen Brigitte, Gäste und Mitarbeiter auf die Terrasse. Allegra! Wie war`s? rufen sie uns zu und wir strahlen braun gebrannt und glücklich: Es war so schön!!!

Weitere Informationen zum Drei-Länder-Ritt gibt es unter www.sanjon.ch

Noch mehr Fotos zu Tour findet Ihr in unserem Flickr-Album zu dieser Tour.

 
 
 
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