Pferd und Gesundheit:

Die richtige Fütterung beim Wanderreiten

Text: Conny Roehm, www.futterberatung-roehm.de

Stille Wälder im Morgennebel, schöne Landschaften, Berge und Täler, eins sein mit dem Pferd auf allen Wegen. Von Lager zu Lager ziehen und am Abend vielleicht am zünftigen Lagerfeuer sitzen oder in der gemütlichen Hofschänke – welcher Wanderreiter kennt und liebt das nicht? Aber Moment mal – was macht mein Pferd eigentlich in der Zeit, in der ich mich ausruhe und das esse, was mir schmeckt? Richtig! Es isst das, was im Zweifelsfalle da ist. Und das muss nicht einmal schlecht sein. Aber gehen wir noch mal zum Anfang zurück.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben.

Reisen bedeutet für Pferde Stress. Auch wenn ein erfahrenes Wanderreitpferd enormen Spaß an seiner Arbeit haben kann, so ist der Körper doch in einer Stresssituation – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Und das bedeutet Einfluss auf den gesamten Organismus Pferd. Egal wie gut das Training und die Vorbereitung waren. Die folgenden Dinge kann man nicht vermeiden: Das Immunsystem ist aktiver, Magen und Darm sind beeinträchtigt durch die Belastung, der gesamte Flüssigkeitshaushalt verändert sich, ständig wechselnde Futterqualität verändert die Darmflora (es sei denn, das Packpony trägt ausreichend Heu mit sich herum), die Ruhephasen sind aus ihrem natürlichen Zyklus genommen und die Fressdauer ist herab gesenkt. Die Speichelproduktion ist eingeschränkt und die pH-Werte im Magen- und Darmtrakt verändern sich. Keine Angst: All das bringt das Pferd weder um, noch macht es direkt krank. Trotzdem ist Vorsicht geboten.

Vorsorge, Fürsorge, Nachsorge

Die richtige Planung ist alles – das gilt nicht nur für die Strecke, das Gepäck, die Reiseroute, die Unterkunft, den Schmiedetermin und was sonst noch anfällt, sondern natürlich auch für das korrekte Training. Ein fittes Pferd ist das A und O auf langen Strecken, das versteht sich von selbst. Aber ein gutes Training funktioniert nur, wenn auch im Vorfeld schon die Fütterung entsprechend angepasst wurde. Dazu kommt die Fürsorge, also das gezielte Füttern während des Rittes und die Nachsorge zur Wiederherstellung, Entspannung, Beruhigung und wiederum Stärkung des Immunsystems und der Verdauung.

Gerade bei dickeren Pferdemodellen ist das Weglassen von Kraftfutter in der Zeit des Antrainierens manchmal nicht sinnvoll. Der Jojo-Effekt macht auch vor einem Norweger nicht halt. Dazu kommt der kritische Blick auf das eigene Pferd, denn ein optimal gefüttertes Pferd bringt nicht nur mehr Leistung, sondern bleibt auch gesund bei großen Belastungen: Ist der Gurtzwang der erfahrenen Wanderreitstute vielleicht eine Gastritis oder ein Magengeschwür? Tritt das Pferd hinten kürzer, wenn es auf eine Steinstufe im Bergland klettern soll oder bekommt es vielleicht das Bein nicht immer hoch genug? Oder hat es bröcklige Hufe und die Eisen sind schneller lose als man gucken kann? Ist der Wallach wirklich immer so „eckig“ oder kann er die gefütterte Energie vielleicht einfach nicht verwerten? Auch Gymnastik muss sein: Biegt sich das Pferd auf einer Seite schlechter als auf der anderen? Juckt es sich manchmal oder hat es Kotwasser oder Durchfälle? Bevor man also im Frühjahr beginnt, sein Pferd wieder fit zu machen, sollte man es kritisch betrachten.

Auf einem Wanderritt reitet man für gewöhnlich von Station zu Station. Das dort angebotene Futter ist vor allem eins: anders als das vom Vorabend. Der Anteil an Struktur ist vielleicht höher, weniger Zucker, mehr Eiweiß oder umgekehrt. Und selbst wenn ich immer wieder an den gleichen Stall zurückkomme und das Pferd mehrere Tage das gleiche Futter bekommt, bräuchte es gute sechs Wochen, bis sich Magen und Darm auf die anderen Mikroorganismen eingestellt haben, die mit dem Gras, Heu und Stroh gefressen werden.

Als Wanderreiter ohne Taschenlabor können wir von außen kaum wirklich einschätzen, wie gut die Qualität ist. Staubarm und frei von Schimmel und Giftpflanzen sollte es schon sein. Aber so ganz genau wissen wir nie was drin ist. Viele Pferde haben außerdem auf langen Strecken immer Durchfall. Das kommt einerseits durch die Belastung, manchmal auch durch Aufregung und Stress oder eben das ständig wechselnde Futter. Dauerhafter Durchfall führt zu Leistungseinschränkung und Dehydration. Der Wanderreiter prüft daher mindestens 2 Mal täglich ob das Pferd ausreichend trinkt und natürlich ob noch genug Wasser im Gewebe ist.

Was kann man also tun?

  • Das Pferd so gesund wie möglich halten und abwehrstark machen – bevor man überhaupt an das Verladen denkt. Spätestens zu Beginn des Trainings muss das Futter angepasst werden. Gesundheitliche Probleme, futterindizierte Krankheiten und Rittigkeitsprobleme sollte man kritisch betrachten und gegebenenfalls einen Fachmann zu Rate ziehen.
  • Vorausschauend füttern und trainieren. Spätestens ein bis zwei Wochen vor der Belastung sollte das Futter angepasst werden, welches dann gleichförmig über den ganzen Ritt gegeben wird. Das gibt einem auch ein Gefühl dafür, wieviel Kraftfutter und Mineralfutter man gegebenenfalls mitnehmen muss. Grade das Mineralfutter muss nun gut gewählt werden, um Depots zu füllen und die Muskulatur zu unterstützen. Magnesium und Vitamin E spielen dabei eine entscheidende Rolle.
  • Mit Bedacht die Reise antreten und auf dem Ritt gut hinsehen, was das Pferd tut. Sucht das Pferd auf der Wiese gezielt nach gewissen Pflanzen? Beißt es im vorbei reiten plötzlich in einen Baum? Beginnt es Erde oder Moos zu fressen? Dies sind alles Zeichen, dass es Bedarf an etwas gibt und gegebenenfalls Magen und Darm durch die lange Belastung des Rittes gereizt sind.
  • Magen und Darm unterstützen und schützen, für ausreichend Raufaser sorgen. Lange Fresspausen einlegen, wo das Pferd auch Blätter und evtl. Rinde von ungiftigen Bäumen fressen darf.
  • Ruhe einkehren lassen, Schlafphasen respektieren.
  • Nach dem Ritt das Pferd bei der Erholung unterstützen, Magen und Darm stärken.

 


Futterkunde für die Packtasche

Kraftfutter ist schwer. In Packtaschen kann das schon zu einem Problem werden. Ich werde oft gefragt: „Was soll ich denn nun mitnehmen? Und wie viel?“. Durch eine gute Vorbereitung kann man die Verdauungsmöglichkeit des Pferdes steigern. Ist das Pferd gesund und verfügt über einen stabilen Verdauungstrakt kann es Futter besser verwerten. Als Konsequenz davon braucht das Pferd weniger Kraftfutter. Das bedeutet, dass man weniger mitnehmen muss. Überlieferungen aus dem 18. Jahrhundert berichten von der Möglichkeit, Stroh in 3 Zentimeter lange Stücke zu schneiden und dem Kraftfutter beizumischen. Das erhöht die Fressdauer und Speichelproduktion. Dies kann man auch mit Heu machen.

Müslis haben einen großen Anteil an unserem heutigen Futtermarkt. Das ist auch gut so. Aber praktisch sind die Müslis mit hohen Faserstoffanteilen auf einem Wanderritt nicht gerade. Sie haben großes Volumen, nehmen viel Platz weg und manche sind durch viele Pellets aus Grünmehl oder Weizenkleie dazu noch enorm schwer.

In Laufe der letzten Jahrhunderte hat man mit diversen Möglichkeiten, wie etwa Futterbrot, Konzentraten, Fleischnebenerzeugnissen und Futterblöcken, experimentiert. Dauerhaft hat sich jedoch nur eines durchgesetzt: der ungequetschte Hafer, die Gerste und der Mais. Heute weiß man, dass man die Gerste und den Mais besser vorher aufschließt, um sie besser verdaulich zu machen. Wie wäre es also mit dem guten alten Hafer? Gersten- und Maisflocken sind auch nicht verkehrt, um dem Pferd eine Extraportion Eiweiß und Energie zu geben – wenn das überhaupt nötig ist. Denn gute Vorbereitung lässt unser Pferd widerstandsfähiger werden. Die Menge ist natürlich abhängig vom jeweiligen Pferd.

Praxistipp

Man kann Einzelportionen Kraftfutter à 100 bis 200 Gramm abpacken und dem Beutel die Luft zu entziehen. Das schafft Platz und die kleinen Päckchen passen in jede Ecke der Packtaschen und verteilen das Gewicht gleichmäßiger als ein dicker Beutel. Ein gutes Mineralfutter ist hoch dosiert, sodass man nur kleine Mengen geben muss. Das bedeutet, dass man auch dort nur kleine Mengen mitnehmen muss. Ein Vergleich der Inhaltsstoffe von verschiedenen Anbietern lohnt sich immer. Aber auch da hilft ein guter Berater – und natürlich die eigene Erfahrung.

Über die Autorin:

Conny Röhm ist Spezialistin im Bereich Pferdeernährung. In ihrer Tätigkeit als unabhängige Futterberaterin gibt sie deutschlandweit Kurse für Pferdeernährung und Verdauungsphysiologie. Außerdem berät sie Einzelpersonen und Reitergruppen direkt am Pferd sowie Futtermittelfirmen zur Rezeptgestaltung.

 
 
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