Unterwegs:

Kräuterfütterung für unterwegs: der Spitzwegerich

Der Spitzwegerich blüht von Mai bis September. © P.Weber_pixelio.de


Text: Conny Röhm, www.futterberatung-roehm.de


Auf langen Strecken beginnen Pferde für gewöhnlich selektiv (Un)kraut zu fressen. Sie fressen besonders gerne an Wald- und Wegesrändern und lassen oft das schöne grüne Gras links liegen. Seltsame Blätter, Laub, kleine Äste, Moos, Erde und Eicheln. Bevorzugt zieht es sie auch zu Dingen die die meisten Menschen sehr ungern imGarten sehen.

Auf Weiden und Wiesen sind (Un)kräuter oft ein Dorn im Auge, dabei versprechen sie eine sehr hohe Vielfalt und Variation in der heutigen Pferdeernährung. Natürlich muss es nicht überhand nehmen. Eine Weide voller Klee steht genauso wenig für gute Pferdeernährung wie eine Weide die über und über von Ampfergewächsen überwuchert wird. Aber selektives Fressverhalten sollte – bei ausreichenden botanischen Kenntnissen – in jedes Wanderreiter-Tagesbudget mit einkalkuliert werden.

Selektives Fressverhalten: Fressen mit allen Sinnen

Wenn Pferde selektiv fressen, dann wählen sie ihre Nahrung nach Aussehen, Geruch und Berührung aus. Viel feiner als wir Menschen das wahrnehmen können, untersuchen sie den Bewuchs, der sich meist direkt im toten Winkel ihres Sehspektrums befindet. Sie fühlen, berühren und schmecken auch. Wenn es das Falsche war, spucken sie es gerne wieder aus. Aber suchen oder brauchen sie ein gewisses Kraut aufgrund eines körperlichen Mangels, so werden sie gezielt danach suchen und fressen. Zum Beispiel den wenig schmackhaften Spitzwegerich.

Der Spitzwegerich

Der Spitzwegerich oder auch (lat.) Plantago lanceolata genannt, hat ein Gesicht, aber viele Namen. Er ist weitestgehend über alle Länder der Erde mit gemäßigtem Klima als Heilpflanze bekannt. Auch in der veganen Ernährung gewinnt er wieder zunehmend an Bedeutung. In der tibetischen Medizin findet er einen genauso großen Platz wie in der traditionellen chinesischen Medizin.

In der Klosterheilkunde findet er seit Jahrhunderten Anwendung für die verschiedensten Krankheiten und Probleme. Belegt im Humanbereich sind die Forschungen im Bereich Pferd weitestgehend nicht vorhanden. Ist er also eine eierlegende Wollmilchsau, ein Allheilmittel? Heutige Medien kommen immer wieder mit neuen Wunderwaffen gegen Krankheiten und Symptome, die wir beim Pferd eigentlich nicht haben sollten. Und genau aus diesem Grunde sollte man den Spitzwegerich weder über- noch unterschätzen.

Was er aber allemal ist: sehr praktisch

Denn er wächst nahezu überall. Daher auch die ursprüngliche Bedeutung des Namens aus dem Althochdeutschen, nämlich Weg und König. Der lateinische Name leitet sich aus dem Wort „Speer“ oder „Lanze“ ab, was wohl auf die Form der Blätter zurück geht.

Der Wegeskönig oder König des Weges also. Ein deutliches Indiz darauf, dass man ihn wirklich fast überall am Wegesrand finden kann – wenn es trocken ist. Ihn zu erkennen, kann wirklich jeder, denn er ist grün, hat spitze Blätter und kann bis zu 50 cm hoch werden. Aber das passiert selten, denn als „Unkraut“ wird er nur zu gern abgemäht oder gespritzt.

Kurz vor der Blüte scheint es besonders gut zu schmecken. Das ist verwunderlich, denn er enthält eine größere Menge von Stoffen,  die bitter schmecken. Die Pflanze schützt sich damit vor gefräßigen Insekten. Aber sie wirkt auch gegen Bakterien und Pilze – ein Umstand, der wohl in der Pferdefütterung am wenigsten Bedeutung beigemessen bekommt.

Eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft ist ein chemischer Prozess, dessen Erklärung hier zu weit gehen würde. Er hat aber wahrscheinlich zur Folge, dass ein Pferd bei größerem Konsum dieser Pflanze, beim Kau- und Verdauungsprozess im Magen einen Stoff freisetzt, der alles Eiweiß, das sich grade zufällig in der Nähe befindet, denaturiert. Dies ist in kleiner Form kein Problem, nimmt das Tier aber viele Pflanzen auf, kann es ein Problem werden. Dieses Problem machen sich aber auch viele Kräuteranwender zu nutzen, indem sie u. a. den Spitzwegerich zur natürlichen Entwurmung einsetzen. Denn auch vor Eiweißen aus der Zellmembran von Parasiten macht der Stoff nicht halt. Jedoch ist grade bei alternativen Entwurmungsmethoden Vorsicht geboten! Kotproben mehrmals im Jahr müssen die Wirksamkeit dauerhaft belegen. Zudem können dauerhaft gefütterte, größere Mengen an Spitzwegerich Abstoßungsreaktionen hervorrufen, denn der Stoff macht auch vor dem eigenen Darmgewebe des Pferdes gegebenenfalls nicht halt. Das Pferd bekommt Kotwasser und Durchfall. Zudem sind größere Mengen genauso toxisch, wie Pflanzen, die in kleiner Menge scheinbar ungiftig sind und vom Pferd selektiv gefressen werden.

Umgekehrt besteht die These, dass Pferde, die plötzlich viel Spitzwegerich zu sich nehmen, auch versuchen könnten, größere Mengen an Eiweißen durch unsachgemäßen Konsum abzupuffern. Aber zu beiden Prozessen gibt es derzeit keine zuverlässigen Studien direkt am Pferd. Es bleibt also die Frage: Wie viel ist zuviel?

Fragen Sie im Zweifelsfalle das Pferd und einen Experten. Verlassen Sie sich nicht immer blind auf Verpackungsaufkleber. Wie alle Kräuter sollte es nicht „einfach so“ gefüttert werden. Frisst das Pferd auffällig viele dieser Pflanzen, ist genauso viel Aufmerksamkeit geboten wie bei der Zufütterung von sogenannten Kräutermischungen.

Je nach Problemstellung wird der Spitzwegerich als Alleskönner hingestellt. Schleimstoffe sollen beruhigen, Gerbstoffe stillen Blutungen und wirken entzündungshemmend. Saponine, Kieselsäure, Vitamin C und ätherische Öle, die das Kraut enthält, können ebenso Auswirkungen auf den Organismus haben. Es hilft – wenn man allen Quellen Glauben schenken würde – bei Appetitlosigkeit, Bronchitis, Asthma, Erkältung, Magenschleimhautentzündung, Darmschleimhautentzündung, Verstopfung, Durchfall, Fettsucht, Leberschwäche, Blasenschwäche, Ödeme in den Beinen, Augenentzündungen, Insektenstiche, blutende Wunden, Hautabschürfungen und auch gegen das Sommerekzem und Hufrehe. Also gegen alles, was ein Pferd so haben kann.

Bei Menschen ist die Wirkung oft belegt – aber ist ein Pferd ein Mensch? Die Vielfalt der Wirkung ist nicht nur „praktisch“ zur Vermarktung, sondern sollte unter einem anderen Gesichtspunkt gesehen werden: Ist es ein Allheilmittel oder kann es einfach bei Alltagsproblemen helfen und gehört in das natürliche Nahrungsspektrum unserer mitteleuropäischen Nutztiere? 

Ich persönlich denke, es ist ein Teil des natürlichen Nahrungsspektrums und sollte auch als solches betrachtet werden. Frisst das Pferd davon, hat es sicherlich seinen Grund und sollte erlaubt werden – gerade auf Wanderritten macht sich das Pferd die Bitterstoffe als Puffer zunutze. Frisst es zuviel, muss das natürlich auch genau beobachtet werden. Aber die therapeutische Wirkung sollte kritisch betrachtet werden, denn sie ist weitestgehend unerforscht. Vergleiche zwischen Pferd und Mensch, Rind, Schwein oder Schaf darf man nur mit Bedacht ziehen. 

P.S.: Es steht auch auf einer Dopingliste, aber mein Freizeitpferd lässt sich davon zum Glück nicht beeindrucken und frisst selektiv, wenn wir auf langen Strecken unterwegs sind.

Über die Autorin:

Conny Röhm ist eine der wenigen unabhängigen Futterberater für Sport und Freizeitpferde in Deutschland. Neben Einzelberatungen direkt am Pferd gibt sie Kurse und Vorträge in den Bereichen Pferdeernährung, Haltung und Umgang. Sie studierte Pferdewissenschaften und Betriebsführung in den Niederlanden und England und graduierte zum MSc Equine Science an der renommierten University of Essex. Sie lehrte an der University of Applied Science VanHall Larenstein im Bereich Equine Nutrition und Equine Business and Economics. In ihrer Passion als Dozentin im Bereich Pferdeernährung und Gesundheit sowie Unternehmensberaterin für pferdehaltende Betriebe und Futtermittelfirmen reist sie durch gesamt Deutschland, Niederlande und Belgien. Zudem schreibt sie als freie Autorin für Pferdezeitschriften und Fachmagazine.

 
 
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