Horsemanship:

Der natürliche Umgang mit Pferden


Text: Heinz Welz, www.heinzwelz.de

Horsemanship ist ein bedeutsames Thema, jedenfalls für Pferde. Für Menschen jedoch nicht weniger. Dennoch tun sich viele schwer damit. Wanderreiter kommen in ihrem Umgang mit Pferden „von sich aus“ vielleicht der Horsemanship am nächsten. Dennoch macht es auch für Wanderreiter Sinn, sich mit dem Thema näher zu befassen.

Die Frage, was Horsemanship ist, fördert (wie so vieles) viele Meinungen zutage. Aber: Meinungen sind oft/meistens nicht Deinungen. Will sagen: Was ich für richtig und gut halte, kannst Du ganz anders sehen. Manchmal ist das Ergebnis Streit. Oft zumindest Irritation, zumal dann, wenn es darum geht, wirklich erfahren zu wollen, was denn nun stimmt.

Dazu kommt: Manche Menschen wollen vielleicht gar nicht genau wissen, was „Horsemanship“ bedeutet. Denn wüssten sie es, dann müssten sie sich auch dran halten. Möglicherweise müssten sie dann lieb gewonnene Gewohnheiten über Bord werfen oder gar ihre eigenen Konzepte auf den Kopf stellen. Und wenn nicht, würde das „schlechte“ Gewissen schlagen…

Um aus dem Dilemma herauszukommen, ist Wissenschaft bisweilen hilfreich. Doch wissenschaftliches Vorgehen ist unter Pferdeleuten nicht sonderlich verbreitet. Dennoch: Es kann helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Da es sich um ein Wort handelt, empfiehlt es sich, zunächst mit den Mitteln der Bedeutungslehre (Semantik) aus der Sprachwissenschaft an den Begriff und somit an die Frage heranzugehen.

Besondere menschliche Eigenschaften

Das Wort „Horsemanship“ ist zusammengesetzt aus den Teilbegriffen „horse“, „man“ und „ship“. Wörtlich übersetzt, hieße es also: „Pferd – Mensch – Eigenschaft“. Und da ist man von der Grundbedeutung schon gar nicht mehr so weit weg. Horsemanship bezieht sich also auf (eine) besondere menschliche Eigenschaft(en): (fast) so wie ein Pferd zu sein.

Da wir uns nicht in die andere Art verwandeln können, kann das für uns Menschen ja nur heißen zu versuchen, wie ein Pferd zu fühlen und mit Pferden so umzugehen, wie andere Pferde es auch täten. Das so genannte Natural Horsemanship hat versucht, dies auf den Begriff zu bringen: mit Pferden natürlich umzugehen.

Doch wie geht das: Wie Pferde zu fühlen und mit ihnen wie Artgenossen umzugehen, also: natürlich? Schon steckt man im nächsten Dilemma: Zum Beispiel würde kein Pferd einen Artgenossen reiten; und ein Knotenhalfter – beliebtes Hilfsmittel im „Natural Horsemanship – um den Kopf des Pferdes gebunden, ist genau betrachtet auch nicht „natürlicher“ als ein Gebiss im Maul des Pferdes.

Und was wird nicht alles „natürlich“ genannt, und was folgt nicht alles daraus? So ist für manch einen „Natural Horseman“ die Tatsache, dass Pferde miteinander sehr robust umgehen, willkommene Begründung, sein Pferd erbarmungslos zu züchtigen. So kommt es, dass man unter dem Etikett des „natural“ mittlerweile genau so viele unansehnliche Auswüchse in Umgang und Ausbildung von Pferden sieht, wie in der so viel geschmähten Leistungs- und Sportreiterei. Und dabei ist dies umso schlimmer, weil dieses Verhalten auch noch als Rechtfertigung daherkommt. Es ist ja schließlich „natürlich“.

Verführerischer Begriff

Selbst scheinbare Präzisierungen des Begriffs, wie eben durch das Wort „natürlich“, verführen uns Menschen offensichtlich nur dazu, den Begriff wieder für unsere Zwecke hinzubiegen. Vom wirklichen Begriff und seiner Bedeutung entfernen wir uns dadurch nur noch mehr. Horsemanship ist somit also ein für Menschen verführerischer Begriff. Und für Pferde kann er – siehe oben – sogar gefährlich werden.

Und warum machen wir das? Wie gesagt: Wenn man den Begriff „Horsemanship“ wirklich ernst nimmt, könnte damit gemeint sein, sich von all dem zu verabschieden, was man bisher über Pferde und den Umgang mit ihnen gedacht hatte und gewohnt war. Das ist für uns Menschen die „Gefahr“. Da biegt sich jeder den Begriff lieber so für sich hin, wie er mag.

Doch Natural ist nicht der einzige Zusatz, den wir uns ausgesucht haben, um dem Bedeutungs-Ungeheuer „Horsemanship“ näher zu kommen: Da gibt es die Wahre (True) Horsemanship, die Ganzheitliche (Holistic) Horsemanship, natürlich die gute (Good) Horsemanship, auch Intelligent Horsemanship, Ranch Horsemanship, und sogar esoterisch angehauchte New Age Horsemanship und als finale Variante die Himmlische (Heavenly) Horsemanship.

Partner, Arzt, Freund und Psychologe

Gehen wir einfach noch einmal vom Wort aus: Ein Horseman wäre demnach Mensch und Pferd zugleich, Pferd-Mensch eben; das heißt: Er wüsste alles über Physis und Psyche beider Wesen; wäre Partner, Arzt, Freund und Psychologe gleichermaßen und wüsste, wie Pferde und Menschen denken und fühlen.

Wahre Horsemanship ist damit so umfassend, dass ein ganzes Menschenleben dafür nicht ausreichte, es zu lernen. Und so wird es wahrscheinlich sowieso nie einen wirklichen Horseman geben. Und wenn, dann wäre das, wie der amerikanische Cowboy Jack Young sagt, wohl der „Master Horseman“, und Young meint damit niemand anderen als den lieben Gott.

Verbogene Ideale

Horsemanship ist insofern ein Ideal (kein Wunder also, was wir schon alles draus gemacht haben!). Und wie alle Ideale kann man sie entweder verbiegen oder sie anstreben. Verbogene Ideale haben immer viel Leid in die Welt getragen. Also bleibt nur, sie anzustreben! Und um dabei der Selbst- und Fremdtäuschung nicht zu verfallen, bedarf es der (selbst-)kritischen Skepsis und der Demut, sonst fühlen wir uns beim Anstreben des Ideals selbst schon ideal, und das ist bekanntlich fatal.

Wie können wir also das Ideal der Horsemanship anstreben und somit dem Ideal näher kommen, wie Pferde zu denken und zu fühlen, um ihnen gerechter zu begegnen? Schauen wir uns Horsemanship deshalb von einer anderen Seite an: Der Horseman hat nämlich eine Menge alter Vorgänger in vielen Sprachräumen. Allen eigen ist, dass sie alle mehr oder weniger in Vergessenheit geraten sind: Da gab es einst in Europa die Ritter. Auf lateinisch hießen sie „eques“, im Französischen „chevalier“, auf Italienisch „cavaliere“, spanisch: „caballero“, und alle Begriffe bedeuten wortwörtlich dasselbe wie Horseman: Pferdemensch.

Besondere Charaktereigenschaften

Spätestens hier wird einem klar, was Horsemanship im Grunde bedeutet: besondere Charaktereigenschaften und Einstellungen Pferden und Menschen gegenüber zu besitzen und anzuwenden. Ritterlichkeit bedeutete einst: Mut und Freundlichkeit, aber auch Mäßigung und Zurückhaltung, Anstand und Wohlerzogenheit, Würde und Treue, Optimismus und Höflichkeit, Demut und Klarheit sowie Freigiebigkeit und Großzügigkeit. Eigenschaften, die heutzutage wenig Konjunktur haben. Und der „Kavalier alter Schule“ verstand sich auch noch als „Beschützer der Damen“. Dennoch: Wer würde es nicht schätzen, einem solchen Menschen mit solchen Eigenschaften – Mann oder Frau – zu begegnen? Und stellen Sie sich doch einfach einmal vor, als Pferd einem solchen Menschen zu begegnen … Ideal, zugegeben, aber möglich. Denn wer wollte ausschließen, dass es möglich ist, diese Eigenschaften in sich auszubilden? Wer würde es für sich ablehnen wollen? Höchstens, dass es wohl viel Mühe bereitet.

Ich versuche in meinen Seminaren, den „Königsweg“ zur Horsemanship aufzuzeigen. Der Schlüsselbegriff dafür in Psychologie und Kommunikationswissenschaft lautet „Empathie“, zu Deutsch: Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit also, sich in einen anderen hinein zu versetzen und seine Gefühle zu teilen. Zur Empathie ist jeder gesunde Mensch fähig – wenn er will. Auf diesem Weg erfahre ich die Sorgen, Nöte und Bedürfnisse eines anderen und kann mich entsprechend verhalten. Empathie ist überdies zentrales Merkmal der so genannten „emotionalen Intelligenz“, die in der modernen Management- und Erfolgsliteratur als die Führungsqualität schlechthin bezeichnet wird.

„Du musst Dein Pferd fühlen lernen“. Diese Forderung steht in allen Reitlehren dieser Welt geschrieben. Und es ist der Inbegriff von Horsemanship. Das Problem ist nur: In keinem dieser Bücher wird erklärt, wie es denn geht. Es wird nur gefordert. Aus der Psychologie wissen wir, dass die Voraussetzung dafür, andere zu fühlen, lautet, sich selbst fühlen zu können. Und da liegt wohl der Knackpunkt. In unserer „aufgeklärten“, verrationalisierten Welt haben Gefühle nur wenig Konjunktur. Gefühl, das unbekannte Wesen. Dabei sind wir Menschen Gefühl pur. Und Pferde? Ein Gefühl auf vier Hufen.

Höchst suspekt

Zwar begegnen wir Gefühl in romantischen Liedern oder als Ausbrüche auf dem Fußballplatz, vielleicht noch als Bewegungsmoment in besonderen Augenblicken unseres Lebens, also eher im Extrem. Gefühl jedoch als Teil meines täglichen Lebens, als Teil von mir selbst und als Teil all der Lebewesen in meiner Umgebung, das ist mir eher fremd. Und in seiner extremen Erscheinung als Aufschrei des Schmerzes gar oder als überbordende Freude erscheint es mir womöglich als gefährlich, zumindest aber als höchst suspekt.

Ich möchte nicht wissen, was sich in der Pferdewelt alles veränderte, wenn so genannte Pferdeliebhaber anfingen, sich wirklich für ihre Pferde und deren Gefühle zu interessieren, statt – auf dem hohen Ross sitzend – sie nur für die eigene Ehre und den eigenen Gewinn auszunutzen. Und ich möchte nicht wissen, was sich in der Menschenwelt alles veränderte, wenn wir anfingen, Menschenfreunde zu werden, uns also für unsere Gefühle und die der anderen wirklich zu interessieren.

Horsemanship wörtlich genommen, kann uns den Weg dahin aufzeigen. Ein paar alte Cowboys, von denen ich einiges über Pferde lernen durfte, pflegten zu sagen, dass „Pferde die besten Menschentrainer“ seien. Horsemanship, so gesehen, heißt also auch: voneinander zu lernen.

Über den Autor:

Heinz Welz ist seit 13 Jahren Horsemanshiptrainer. Der ehemalige Journalist und Kommunikationswissenschaftler unterrichtete in dieser Zeit etwa 10.000 Menschen und ihre Pferde. Er hat zwei Bücher zum Thema veröffentlicht: „Pferdeflüstern kann jeder lernen“ und „Entdecke den Horseman in Dir“ (beide Kosmos-Verlag).

 
 
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