Praxiswissen:

Die Ausbildung des Wanderreitpferdes

Ein gut ausgebildetes Wanderreitpferd steht ruhig und gelassen am Hochseil.


Text: Dr. Helmut Vogelsberger

Jeder Wanderritt ist ein Abenteuer, nicht nur für den Reiter, sondern auch für das Pferd. Konfrontiert mit einer Vielfalt von Außenreizen werden alle Sinne des Pferdes in hohem Maße gefordert. Die Besonderheiten im Gelände stellen hohe Ansprüche an Trittsicherheit und Gehorsam. Das individuelle Temperament des Pferdes und sein Fluchtinstinkt dürfen unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit nur nachrangig sein. Nervenstärke ist gefragt. Wanderpferde beginnen ihre „Karriere“ in der Regel nach der Grundausbildung, also im Alter von 4 bis 5 Jahren. Mit einem gut ausgebildeten und erfahrenen Wanderpferd dürfen Sie dann im Alter von ca. 7 Jahren rechnen.

Das Wanderpferd soll folgendes 10-Punkte-Anforderungsprofil erreichen:

1. Der Wanderreiter benötigt ein leichtrittiges, gehorsames und zuverlässiges Pferd, das sich vollkommen problemlos untersuchen, verladen und beschlagen lässt.

2. Das Wanderpferd sollte absolut anbindesicher sein und in jeder Situation mit und ohne Reiter stillstehen. Es darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.

3. Ein gut ausgebildetes Wanderpferd lässt sich problemlos an jeder Stelle in der Gruppe reiten und akzeptiert, dass sich Gruppe und Pferd voneinander entfernen.

4. Der Wanderreiter kann sein Pferd auch in schwierigem Gelände gut führen oder führen lassen.

5. Das Wanderpferd akzeptiert auch tiefere Wasserläufe, Brücken und Tunnel.

6. Das Wanderpferd ist absolut verkehrssicher, im fließenden Straßenverkehr ebenso wie in Fußgängerzonen und auf frequentierten Wanderwegen.

7. Das Wanderpferd frisst und trinkt auch aus ungewohnten Behältnissen, es verkraftet auch wechselndes Futterangebot.

8. Das Wanderpferd kennt und akzeptiert Paddocks (siehe dazu auch den Beitrag zum Anti-Ausbrech-Training) sowie das Anbinden und Verweilen am Hochseil.

9. Das Wanderpferd ist in allen Gangarten und bei einhändiger Zügelführung sehr rittig und reagiert auf geringe Hilfengebung. Es lässt sich problemlos anhalten, wenden und rückwärts richten.

10. Das Wanderpferd zeigt große Trittsicherheit, bewältigt auch Steilhänge, Gräben und Engpässe ebenso wie Unterholz und schmale Pfade.

Eine ideale Basis für die Ausbildung des Wanderpferdes ist das Anforderungsprofil der Gelassenheitsprüfung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e. V. (FN). Diese Gelassenheitsprüfung besteht im Wesentlichen aus 30 Teilaufgaben, von denen 20 geführt und 10 geritten werden.

Das Bewältigen dieser Aufgaben setzt bereits voraus, dass eine funktionsfähige Kommunikationsbasis zwischen Pferd und Reiter hergestellt wurde, die sich am Verhaltensrepertoire des Flucht- und Herdentieres orientiert. Dabei muss nicht nur das Pferd lernen, sondern der Mensch mindestens genauso. Diese Grundausbildung fordert die Entwicklung der Führungsqualitäten des Menschen, sodass das Pferd ihm gehorsam folgt.

Nach der Pflicht kommt die Kür. Nach diesem Gelassenheits-Training geht es für Pferd und Reiter darum, die besonderen Anforderungen im Gelände umzusetzen. Bei allen Lerneinheiten sollte beachtet werden, dass diese nicht zu lange ausgedehnt werden. Nach etwa 30 Minuten erreichen Sie keinen sinnvollen nachhaltigen Lerneffekt mehr. Üben Sie häufiger, dafür kürzer und gönnen Sie dem Pferd hinreichende Pausen.

Die sieben wichtigsten Übungen

Führ-Training

Engpässe, Steilhänge und Blockaden erfordern im Gelände, dass das Pferd problemlos geführt werden kann, und zwar in Abhängigkeit vom Hindernis an unterschiedlichen Positionen.

Im Gelassenheits-Training auf dem Platz sollte das Pferd bereits Trailaufgaben (Wendemanöver, Slalom vorwärts und rückwärts) gelöst haben. Das Führen in unterschiedlichen Positionen (Pferd hinter dem Führer, Pferd neben dem Führer) wurde ebenfalls geübt und wird vom Pferd beherrscht. Stimmt die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter, können diese Übungen auch lediglich unter Einsatz von Wort-/Stimmkommandos und Signalen durchgeführt werden.

Lässt das Gelände es nicht zu, dass das Pferd geführt wird, kann man dem Pferd auch beibringen, dass es selbständig und nur den Signalen des Reiters folgend das Hindernis überwindet und sich dann wieder beim Reiter einfindet. Als Lerninhalt auf umzäuntem Gelände ist das sicherlich sinnvoll, dennoch verbleibt beim Vorwärtsschicken im Gelände ein nicht unbeträchtliches Restrisiko (Sturzgefahr, Flucht). Sinnvoller wäre es, im Gelände solche Situationen zu vermeiden und sich auf das Führen zu beschränken. Verlegen Sie möglichst häufig das Führ-Training ins Gelände und suchen Sie dabei unterschiedlichste Situationen.

Park-Training

Einen Zappelphilipp kann der Wanderreiter nicht brauchen, weder an der Anbindemöglichkeit, noch bei wichtigen Verrichtungen im Gelände. Im Gelassenheits-Training sollte das Wanderpferd bereits gelernt haben, Berührungen an jeder Körperstelle, auch mit Gegenständen, zu dulden. Ebenfalls auf dem Reitplatz wurde das Stillstehen dadurch eingeübt, dass das Pferd mit entsprechendem Wort-/Stimmkommando geparkt wird und der Reiter sich mit anderen Dingen beschäftigt. Folgt das Pferd der Aufforderung, gleichgültig wie weit sich der Reiter wegbewegt, wird es ausgiebig gelobt. Folgt das Pferd nicht, wird es in die Parkposition zurückgestellt.

Die gleiche Methode wendet man beim Anbindetraining an. Diese Übung erfordert vor allem Geduld des Reiters. Beginnen Sie damit, sich nur geringfügig vom Pferd zu entfernen und steigern Sie langsam und allmählich die Distanz. Später fügen Sie der Übung Geräuschquellen hinzu. Verlegen Sie dann das Training in das Gelände. Suchen Sie eine Stelle, an der ein tiefhängender Ast quert und packen Sie die Säge aus. Das Pferd sollte in dieser Situation ruhig stehen bleiben, bis Sie Ihre Arbeit beendet haben. Die Parkposition sollte auch dann nicht verlassen werden, wenn der Ast fällt.

Positions-Training

Hier ist Teamwork gefragt. Stellen Sie eine Reitergruppe zusammen und reiten Sie zunächst auf dem Platz in der Gruppe in unterschiedlichen Tempi. Ebenfalls auf dem Platz versuchen Sie dann Positionswechsel der Reiter, zunächst im Schritt, dann im Trab und zuletzt im Galopp. Der erste Reiter wendet jeweils aus der Führungsposition, reitet an der Gruppe vorüber und wechselt in die Schlussposition. Setzen Sie diesen Positionswechsel fort, bis der zuerst gewechselte Reiter wieder in der Führungsposition reitet. Nun das Ganze umgekehrt: Der jeweilige Schlussreiter überholt die Gruppe und wechselt in die Führungsposition. Wenn genügend Reiter zur Verfügung stehen, können Sie diese Positionswechsel-Übungen auch mit zwei und drei Reitern durchführen. Danach und ebenfalls in verschiedenen Tempi reiten die einzelnen Reiter zunächst in völlig verschiedene Richtungen und finden sich dann wieder zusammen. Sie werden feststellen, dass diese Übungen den meisten Pferden zunächst erheblichen Stress verursacht.

Rittigkeits- und Geschicklichkeits-Training

Reitweisenunabhängig soll das Wanderpferd sein Tempo selbständig halten, auf geringe Hilfengebung reagieren und auch schnellen Gangartenwechsel beherrschen. Den Rückwärtsgang benötigen Sie bei verblockten Wegen oder undurchdringlichem Dickicht. Trittsicherheit und Geschicklichkeit ist auf schmalen Wegen, in Engpass-Situationen und auf Gefällestrecken gefragt. Konstantes Tempo, vor allem den bei Wanderritten erforderlichen schnellen Schritt, und Gangartenwechsel üben Sie völlig problemlos auf dem Reitplatz. Trittsicherheit und Geschicklichkeit können Sie ebenfalls auf dem Platz unter Einsatz von entsprechenden Hindernissen trainieren. Addieren Sie im Training zusätzliche Sinnesreize (plötzliche Bewegungen, Lärm etc.) Beim Training im Gelände suchen Sie sich geeignete Strecken mit Hindernissen (querliegende Baumstämme, Felsen, lockerer Untergrund, Gefällestrecken, Wildwechsel) und wiederholen sämtliche Übungen im Gelände. Wechseln Sie häufig die Strecken, damit keine Gewöhnung eintritt. Je häufiger das Pferd mit wechselnden Aufgaben konfrontiert wird, umso größer und nachhaltiger ist der Lerneffekt.

Bei querliegenden Hindernissen treffen wir bei Reitern oft auf die Ambition, diese Hindernisse (Gräben, querliegende Baumstämme) mit einem Sprung zu überwinden. Aber: Wissen Sie, vor allem im unbekannten Gelände, wie es hinter dem Hindernis aussieht? Springen im Gelände ist für Wanderreiter selten sinnvoll. Zumindest sollten Sie sich vorher davon überzeugen, wie der Auftreffpunkt beschaffen ist.

Anti-Scheu-Training

Das Pferd sollte so viel Vertrauen zum Menschen (nicht nur zum Besitzer) aufbauen, dass es unterschiedlichste Sinnesreize ruhig akzeptiert. Auf dem Reitplatz können Sie damit beginnen. Automatisch öffnende Regenschirme in unterschiedlichen Farben, Spielzeugautos, plötzlich hervor rollende Bälle in unterschiedlichen Farben und Größen, Plastikplanen – das Repertoire ist nahezu unerschöpflich. Das Pferd sollte sich hier auch bereits an den Reitmantel, den Sie im Sattel sitzend anziehen, an die raschelnde Wanderkarte, zischende Sprudelflaschen und das Öffnen der Satteltaschen gewöhnt haben. Indes werden Sie den überwiegenden Teil des Trainings im Gelände vornehmen müssen. Zu vielfältig sind die Situationen, die Ihnen während eines Wanderrittes begegnen. Auch hier braucht der Mensch vor allem Geduld. Den besten Effekt erreichen Sie, wenn Sie dem Pferd Gelegenheit geben, sich unbekannte Gegenstände und Fahrzeuge ruhig stehend und in genügendem Abstand anzusehen. Dieser Abstand wird dann im Zeitablauf immer weiter verringert und die Anzahl der Sinnesreize gesteigert. Folgt jedem bewältigten Sinnesreiz eine ausgiebige Belohnung, wird im Zeitablauf die Frustrationstoleranz des Pferdes zunehmen.

Wasser-Training

Eine Basis-Übung auf dem Reitplatz ist eine befeuchtete, später eine mit Wasser gefüllte Plastikplane.

Im Gelände suchen Sie zunächst einen möglichst flachen, nicht zu steinigen Bachlauf. Einem erfahrenen Führpferd oder einer Pferdegruppe folgend, wird sich das Problem am leichtesten lösen lassen. Stellen Sie das Führpferd oder mehrere erfahrene Pferde in das Wasser und versuchen Sie dann, das auszubildende Pferd langsam und mit wenig Druck in Richtung Führpferd oder Gruppe zu bewegen.

Sollte das nicht gehen, führen Sie selbst das Pferd an der langen Leine in Richtung Wasser, stellen Sie sich in den Bach und essen Sie einen Apfel oder eine Möhre. Loben und belohnen Sie das Pferd bereits dann, wenn es den ersten Schritt in Richtung Wasser vollzogen hat. Mit Geduld und etwas Glück wird das Pferd dann bald im Wasser stehen.

Versuchen Sie dann reitend den Weg ins Wasser. Geben Sie dem Pferd am Rand ausreichend Gelegenheit, die Situation zu beschnuppern und sich mit dem Wasser vertraut zu machen. Mit zu viel Druck erreichen Sie vielfach genau das Gegenteil. Weicht das Pferd aus, sollten Sie verhindern, dass es seitlich ausbricht. Bringen Sie es in diesem Fall in eine Rückwärtsbewegung. Seitliches Ausbrechen entspricht am ehesten dem Fluchtreflex des Pferdes. Hat es damit Erfolg, erzielen Sie eine negative Verstärkung. Sollten Sie trotz vielfacher Anläufe und viel Geduld keinen Erfolg erzielt haben, richten Sie das Pferd rückwärts in Richtung Bach und wenden, sobald die Hinterhand im Wasser steht. Dann bleiben Sie ruhig stehen und geben dem Pferd Gelegenheit, sich mit der Situation vertraut zu machen. Massives Treiben am Rand des Wasserlaufs führt selten zum Ziel. Sie erreichen allenfalls, dass das Pferd durch den Wasserlauf galoppiert. Auch hier ist eine negative Verstärkung die Folge.

Mit der Durchquerung eines eher seichten Bachlaufs ist das Problem noch nicht gänzlich gelöst. Man muss bedenken, dass vor allem in den Wintermonaten der Wasserpegel und die Fließgeschwindigkeit beträchtlich ansteigen. Folglich sollten Sie nach erfolgreichem Abschluss der ersten Übungen tiefere Wasserläufe mit entsprechend höherer Fließgeschwindigkeit aufsuchen und die Übungen dort wiederholen.

Handpferde-Training

Einige Anwendungsbeispiele:

- Das Handpferde-Training dient der Ausbildung und Schulung von nichtgeländeerfahrenen Pferden. Das Handpferd lernt in diesem Fall vom Führpferd.

- Bei der Überwindung größerer, unwegsamer Strecken, die den Einsatz von Trossfahrzeugen nicht zulassen, können Pferde als Lastenträger eingesetzt werden.

- In der Reiterausbildung gewinnt der Reitanfänger „am Strick“ mehr Sicherheit.

- Das Reiten mit Handpferd erspart beim Transfer von Pferden den Einsatz von Transportfahrzeugen, insbesondere in extrem schwierigem Gelände.

Das Handpferd muss bereits über eine solide Grundausbildung verfügen, es sollte also wohlerzogen in allen Grundgangarten zu führen sein. Für die Nutzung eines Hand- oder Packpferdes in schwierigem Gelände sollte das Pferd zudem in der Lage sein, ausschließlich auf Wort- und Stimmkommandos richtig zu reagieren. Der Reiter muss prospektiv denken und auch in problematischen Situationen reaktionsschnell und sachgerecht handeln können. Das Reiten mit Handpferd setzt eine gewisse (wander)reiterliche Erfahrung voraus und ist keine Anfängerübung. Risiken ergeben sich insbesondere im Straßenverkehr und durch Fehleinschätzungen und Fehler des Reiters. Das Reit- oder Führpferd benötigt Nervenstärke, Rittigkeit und soziale Verträglichkeit.

Die ersten Übungen sollten auch hier auf dem Platz erfolgen. Auf dem Platz lernt das Pferd mit Knotenhalfter zunächst am längeren Seil in jeder vom Reiter gewünschten Position (seitlich auf Schulterhöhe des Reiters oder mit Sicherheitsabstand hinter dem Führungsteam) zu laufen. Später kann man das Handpferd darauf trainieren, ohne Seil und nur aufgrund von Wort- und Stimmkommandos dem Führungsteam zu folgen, denn Sie können im Gelände nicht jeden Engpass umreiten. Bereits bei diesen Übungen sollte man darauf achten, dass das Handpferd im Tempo bleibt. Unterstützend wirkt hier bei Nachlassen des Tempos ein kurzer Ruck am Seil, da das Knotenhalfter über entsprechende Einwirkungspunkte am Pferdekopf verfügt.

Waren die Übungen auf dem Platz erfolgreich, können Sie den Ort des Geschehens in das Gelände verlegen. Beginnen Sie mit breiten Wegen, auf denen das Handpferd seitlich vom Reiter auf Schulterhöhe geführt werden kann. Der Schwierigkeitsgrad kann dann sukzessive gesteigert werden und Sie können versuchen, auch Hindernisse (querliegende Baumstämme, Wasserläufe) zu bewältigen. Achten Sie dabei wegen der Verletzungsgefahr immer auf den Sicherheitsabstand des Handpferdes zum Führpferd.

Ausgedehnte, lustvolle Ritte in einer betörenden Landschaft sind der Traum eines jeden Wanderreiters. Indes: Vor den Erfolg setzt der Herr den Schweiß. Es bedarf einer gründlichen Ausbildung und, daran anknüpfend, viel Erfahrung des Pferdes. Dann wird der Traum auch Wirklichkeit.

 
 
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