Drei auf einen Streich:

Unterwegs am Rand von Schwarzwald, Alb und Donautal

Wanderreitstation Uwe Link


Text und Fotos: Heike Gruber

Manchen Regionen geht es wie Mauerblümchen, am Rande liegen gelassen, bleiben sie meist unbeachtet von den Durchreisenden. Doch wer ihre Reize entdeckt, der wird sie bald als Geheimtipp zu schätzen wissen. Genau so eine Region finden Reiter und Fahrer dort, wo Schwäbische Alb, Schwarzwald und Donautal aufeinander treffen.

Bis zu tausend Meter ragen die Berge der Zollernalb empor, stolz thront das Wahrzeichen der Region, die Burg Hohenzollern, auf einem von ihnen. Hier im Westen des GeoParks Schwäbische Alb finden Wanderreiter und -fahrer abwechslungsreiche und unberührte Landschaften, grandiose Fernsichten bis zum Schwarzwald und zu den Alpen inklusive. Mittendrin, am Fuße des Kleinen Heubergs, liegt die Wanderreitstation Pelzmühle von Monika und Eberhard Müller. Der Name ist Programm: Das alte Mühlrad steht nie still, ein ständiges Zittern geht durch die alten Gemäuer der Mühle. „Wenn das Rad Nachts ausfällt, wache ich sofort auf“ berichtet Eberhard Müller. Einen langen Atem hat der promovierte Biologe gebraucht, um den Betrieb des Mühlrades durchsetzen zu können, allzu viele Skeptiker legten ihm immer wieder Steine in den Weg. Aber heute produziert er mit dem kleinen Wasserkraftwerk seinen eigenen Strom. Überhaupt ist die Pelzmühle ein Musterbeispiel für den Einsatz alternativer Energien. Mit den Solarzellen auf dem Dach haben die Müllers Anfang der 1990er-Jahre Pionierarbeit geleistet und ihr Auto fährt mit Rapsöl.
 

Ganz in ein winterliches Gewand gehüllt, liegt die Pelzmühle im friedlichen Bubenhofer Tal.
Wanderreitstation Pelzmühle


Unberührte Natur und Abgeschiedenheit bilden beste Voraussetzungen zum Wanderreiten und -fahren auf der Zollernalb

Der Winter hat die Zollernalb fest im Griff an diesem Faschingswochenende im Februar – Frau Holle hat ganze Arbeit geleistet. Die Streuobstwiesen vor der Pelzmühle und der Hof selbst sind zugedeckt mit einer dicken glitzernden Schneedecke. Unter der Leitung von Monika Müller brechen wir auf zu einem Ausritt durch den winterlichen Märchenwald. Vor uns liegen unberührte tief verschneite Waldwege, kein Mensch, kein Tier hat den Weg zuvor betreten und seine Spuren hinterlassen. Die Pferde steigen ruhig und sicher durch den tiefen Schnee, ein zufriedenes Schnauben, die Stille des Waldes, die klare Luft – Erholung pur.

Sommers wie winters lassen sich von der Pelzmühle aus wunderschöne Reittouren und Kutschfahrten über die Albhochfläche, ins Donau-Tal oder in den Schwarzwald unternehmen. Monika, eine erfahrene Wanderreiterin, die selbst schon viele Kilometer auf dem Pferderücken zurückgelegt hat, schwärmt von der unberührten Landschaft. „Manchmal kannst Du hier den ganzen Tag reiten und begegnest keinem Menschen“ erzählt sie.

Ausritt durch den Winter-Märchenwald auf der Zollernalb
Wanderreiten auf der Zollernalb


Neben ihrer Passion fürs Wanderreiten hängt Monikas Herz an der pferdegestützten Therapiearbeit für körperlich und geistig behinderte Menschen. Ihre zwei Haflinger Maski und Ali und auch der Appaloosa-Wallach Diamond sind mittlerweile alte Hasen in diesem Geschäft. „Als wir zum ersten Mal die Hebebühne an Diamond ausprobierten, war er schon ein wenig nervös“ berichtet Monika von Diamonds Anfängen als Therapiepferd. Doch schnell hat er sich daran gewöhnt und hat seither zuverlässig sowohl Kindern als auch Erwachsenen zu mehr Selbstvertrauen und Freude verholfen. „Einmal hatten wir einen stark geistig behinderten Jungen in unserer Gruppe“ erzählt Monika. „Keiner wusste, was er überhaupt wahrnehmen konnte, er reagierte kaum auf Ansprache oder Berührung. Doch eines Tages hatten wir vergessen, ihn in den Reitplan einzutragen. Der Junge fing an zu weinen und zeigte immer wieder auf den Plan, bis wir begriffen, was geschehen war.“

Während Monika die Reiterin ist, zieht Eberhard den Kutschbock vor. Im Sommer bietet er mit seinem Haflingergespann ein- bis mehrstündige Kutschfahrten für Touristen an. Und wer selbst die Zügel, pardon, die Leinen in der Hand halten möchte, der kann bei dem Fahr-Übungsleiter (VFD) und Trainer B Fahren (FN) den Fahrpass I, II oder III bzw. die FN-Fahrabzeichen III und IV ablegen.
 

Blick in die Sattlerwerkstatt von Jörg Müller
Sattlerei


Ihre Liebe zum Pferd haben Monika und Eberhard Müller auch an ihren Sohn Jörg weitergegeben. Im rund 30 Kilometer entfernten Rötenberg führt er eine eigene kleine Stallgemeinschaft und bildet Westernreitpferde aus. Gelernt hat er das notwendige Handwerkszeug dafür bei einem längeren Aufenthalt in den USA. Von dort hat er auch Know-how für sein weiteres Standbein mitgebracht: Im Erdgeschoss des Fachwerkhauses hat er sich eine gemütliche Sattlerwerkstatt eingerichtet, in der er mit Hingabe und mit viel Liebe zum Detail Westernsättel fertigt. Rund 40 bis 60 Arbeitsstunden braucht es, bis ein solches Schmuckstück fertig ist. Das hat seinen Preis: Ab ca. 3.000 Euro kostet ein handgefertigter Sattel, aber der ist dann auch für`s Leben. Denn mindere Qualität und schlechte Verarbeitung sind für Jörg ein Graus. Mittlerweile verkauft er seine Sättel sogar bis in die USA, die amerikanischen Kunden wissen die deutsche Qualitätsarbeit zu schätzen.

Eine Wanderreitstation aus römischen Zeiten, Wikingerpferde und ein Hirsch

Unsere Reise auf der Suche nach pferdefreundlichen Juwelen im Grenzbereich von Schwäbischer Alb, Schwarzwald und Donautal geht weiter, hinab ins Neckartal und auf der anderen Seite wieder hinauf. Bei Sulz am Neckar werden wir fündig: Am Ende eines langen, schmalen Feldweges, inmitten einer idyllischen Waldlichtung, liegt das Sulzer Viehhaus. Bereits vor 2000 Jahren, so vermutet man, haben die Römer und ihre Pferde hier gerastet. Eine erste namentliche Nennung des Viehhauses fanden die heutigen Besitzer Andrea und Peter Mühllehner in einer alten Karte von 1720. Nach einigen Jahren in den USA haben die Lehrerin und der Ingenieur hier ein neues Zuhause gefunden. Und auch zwei Pferde, ein Hund und zwei Katzen sind mit eingezogen. Aus dem ziemlich heruntergekommenen Fachwerkhof haben die Mühllehners innerhalb der letzten sechs Jahre ein wahres Schmuckstück gemacht. Für zweibeinige Gäste steht ein gemütliches Gästehaus zur Verfügung, die Vierbeiner stehen direkt daneben auf einem Paddock. Von hier aus geht es über wunderschöne Reitwege in Richtung Schwarzwald. Und wer mag, der kann im Sommer mit dem Pferd ein Bad im Neckar nehmen.

Einen guten Tagesritt vom Viehhaus entfernt, liegt der Wenthof von Hildegard und Hermann Hezel, ein anerkannter Biolandbetrieb und Ausbildungsstall für Islandpferde und Reiter. Die großzügige und sehr gepflegte Anlage liegt idyllisch eingebettet in der Hügellandschaft. Zu erreichen ist der Hof nur über eine schmale Landstraße, flankiert von steilen Hängen. Von der Ovalbahn aus bietet sich dem Reiter ein wunderschöner Blick auf die umliegenden Berge, bestimmt ein Trost, wenn`s mal nicht klappt mit Tölt und Takt. „In Zukunft wird es hier auch eine Reithalle geben“ berichtet Hermann Hezel, der den Betrieb gemeinsam mit seiner Frau Hildegard aufgebaut hat. Neben sportlich ambitionierten Nachwuchsreitern setzt er vor allem auf Spät- und Wiedereinsteiger. „Die Islandpferde werden sowohl wegen ihres Charakters, als auch wegen ihrer Größe besonders von älteren Reitern und Reiterinnen sehr geschätzt“ weiß er aus Erfahrung. Diese Reiter legen außerdem viel Wert auf Sicherheit, ein angenehmes Ambiente, komfortable Anlagen und eine schöne Landschaft. All das bietet der Wenthof par excellence. Neben den Wikingerpferden nennen die Hezels übrigens eine hübsche Damwildherde ihr Eigen. Leider nur hatte sich der Hirsch ein paar Tage vor unserem Besuch im wahrsten Sinne des Wortes über den Acker gemacht. Ob er wohl nicht als heimische Delikatesse im Kochtopf landen wollte?

Mit dem Pferdeschlitten über die Alb

Still und leise gibt sich das 300-Seelen-Dorf Freudenweiler, ein kleines Straßendorf hoch oben auf der Albhochfläche gelegen, bei unserer Ankunft. Doch dann Hufgeklapper auf Asphalt, wir blicken der Kutsche entgegen, die rasch näher kommt. Ein majestätischer Friese im Einspänner – wir können gerade noch einen kurzen Blick auf den Kutscher werfen, da ist das Gespann schon an uns vorüber gesaust. Wir müssen uns also noch eine Weile gedulden, bevor wir Uwe Link persönlich kennen lernen können, der uns heute, am letzten Tag unserer schwäbischen Rundreise, mit dem Pferdeschlitten über die Alb fahren wird.

Uwe Link ist Vollblut-Kutscher – was vor vielen Jahren als Hobby begonnen hat, ist heute ein erfolgreicher Pferdefuhrbetrieb. Nicht nur in Deutschland, auch im europäischen Ausland ist Uwe gefragter Ausbilder für Noch-Nicht-Kutscher und zukünftige Fahrpferde. Daneben gehören Holzrückekurse und Kutsch- und Schlittenfahrten für Touristen zu seinem Programm und auch Wanderreiter sind hier Willkommen. Ein weiteres Standbein des Betriebes bildet die Zucht mit Schwarzwälder Füchsen.

Uwe Link erklärt uns, wie junge Pferde von den älteren und erfahrenen Ziehpferden lernen können.
Kutschfahrten mit Uwe Link


Schwarzwälder sind es auch, die für die Pferdeschlittenfahrt eingespannt werden. Und Uwe lässt sich nicht lumpen: Vierspännig wird es über die winterliche Hochfläche gehen. Die ersten beiden Pferde werden herangeführt. „Die beiden sind noch keine 10 Mal vor dem Schlitten gegangen“ erzählt Uwe. Offenbar schauen wir ein wenig besorgt, denn er beruhigt uns direkt: „Keine Angst, die beiden sind zuverlässig und werden von zwei sehr erfahrenen und routinierten Ziehpferden begleitet“. In der Tat wirken die beiden „Grünschnäbel“ sehr gelassen. „Schlecht erzogene Pferde kann ich hier nicht brauchen“ erklärt Uwe, um im selben Augenblick den neugierigen Michel zurechtzuweisen: „Michel, Kopf gerade!“ Und Michel schaut beschämt nach vorne. „Manche Pferde, die zur Ausbildung zu uns kommen, müssen erst einmal lernen, ruhig am Anbindeplatz stehen zu bleiben oder nicht ständig nach Leckerchen in unseren Taschen zu suchen“, berichtet er weiter. Bevor der Grundgehorsam nicht stimmt, wird nicht eingespannt. Dass der Gehorsam der Pferde beim Fahren unverzichtbar ist, können wir kurze Zeit später selbst erleben. Im vollen Galopp löst sich ein Zugstrang, Eis hat sich in einem Schnellverschluss gebildet, sodass er aufspringt. Ein kurzes Signal durch Uwe genügt und die vier Schwarzwälder, eben noch im vollen Tempo, stehen.

Die Pferdeschlittenfahrt über die Alb-Hochfläche ist ein Erlebnis
Pferdeschlittenfahrt


Für den einen Vergnügen, für den anderen ein Knochenjob

Die Schlittenfahrt durch die Winter-Märchenlandschaft ist ein Erlebnis. Der Schnee knirscht unter den Kufen, das Geläut der Schellen klingt durch den Wald, die Pferde schnauben, Dampf steigt von den kräftigen Körpern der schönen Tiere auf. Fröhliche und staunende Gesichter der passierenden Langläufer begleiten die Schlittenfahrt. Uwe macht sich einen Spaß daraus, mit seiner langen Peitsche den Schnee von den Ästen zu schubsen, was zum Gequietsche bei denen führt, die die kalte Pracht in den Nacken bekommen, und zum verschmitzten Lachen beim Kutscher selbst.

Was für uns Mitfahrer Vergnügen pur ist, ist für Uwe Link harte Arbeit. Selten hat sein Arbeitstag weniger als 10 Stunden. Morgens um Sieben wird das erste Pferd eingespannt, abends um Sieben das Letzte weggestellt. Dazwischen Fahrschüler, Touristen, junge Pferde in der Ausbildung, irgendwann einmal ein kurze Mittagspause und ein Paar frische warme Strümpfe, dann geht es weiter. Abends fällt er nur noch todmüde ins Bett, erzählt Uwe uns. Da bleibt wenig Zeit und Muße für einen Fernsehabend oder lange Telefongespräche. Aber trotz allem: Den Job mit seinen Pferden möchte er nicht mehr missen.

Gemeinsam mit seinen VFD-Kollegen Eberhard Müller und Kathrin Laske steht Uwe Link für einen starken Fahrsport im südlichen Baden-Württemberg. Alle drei setzen sich für ihre Disziplin mit großem Engagement ein und als Mitglieder im VFD-Arbeitskreis „Fahren“ haben sie sich hohe Ziele gesteckt. Die Ausarbeitung eines Lehrgangs für gewerbliches Fahren, die Gelassenheitsprüfung für Gespannpferde oder der Ausbildungsunterlagen zum Fahrerpass II sind nur drei davon.

Wer sagt denn da noch Mauerblümchen?!

Wir sind am Ende unserer Reise angelangt. Wir haben eine Region kennengelernt, die den Vergleich mit den „Großen“ nicht zu scheuen braucht. Wir haben außerdem Menschen kennengelernt, die sich mit viel Engagement und Fleiß für den Reittourismus in ihrer Region stark machen.

Und vielleicht wird der ein oder andere in Zukunft nicht mehr nur auf der Durchreise hier vorbeischauen, es lohnt sich!

 
 
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