Nur nit hudle!

Im Rhythmus der Pferde durch den Südschwarzwald

Text und Fotos: Heike Gruber

Die meisten Urlauber entdecken den Südschwarzwald zu Fuß. Immerhin gehört das Mittelgebirge ganz im Süden der Republik zu den beliebtesten Wanderregionen in Deutschland. Mit Marion Dimer vom Wanderreitbetrieb "Brunnmatthof" kann man ihn hoch zu Ross erleben. Sechs Tage lang führte sie uns durch den wunderschönen Hochschwarzwald, hinunter ans Ufer des Schluchsees und am Fuße des Feldbergs entlang durch dunkle Tannenwälder und weite, von Gletschern geformte Täler.

Es ist ein strahlend schöner Sommertag. Der Himmel azurblau, die Rosen blühen in voller Pracht. Da kommt Sascha Hehn, alias Dr. Udo Brinkmann, aus dem hübschen Schwarzwaldhaus und springt in blütend weißen Hosen und weißen Tennissocken über den niedrigen Holzfällerzaun... Mit einem unsanften Ruck an meinem Arm werde ich jäh aus meiner Erinnerung gerissen. Mein Pferd Crunchy ist fast in einen Ameisenhaufen getreten und beschwert sich zu Recht über das Krabbelgetier an seinen Beinen. Wir befinden uns direkt vor dem „Hüsli“, vielen bestens bekannt als Außendrehort des privaten Wohnsitzes von Professor Brinkmann aus der beliebten Fernsehserie „Schwarzwaldklinik“

Von der Familie Brinkmann ist heute natürlich weit und breit nichts mehr zu sehen. Die Zeiten der Schwarzwaldklinik sind vielleicht vorbei, nicht aber die des Schwarzwaldes. Das süddeutsche Mittelgebirge gehört schon lange zu den beliebtesten deutschen Urlaubszielen für Wanderer und mittlerweile auch für Wanderreiter. Seitdem 2008 der Verein „Wanderreiten im Naturpark Südschwarzwald“ gegründet wurde, ist der Reittourismus hier auf dem aufsteigenden Ast, berichtet Marion Dimer. Die 1. Vorsitzende des Vereins betreibt auf ihrem Brunnmatthof in Albbruck-Unteralpfen nicht nur ein schönes Gästehaus, sondern auch einen kleinen Wanderreitbetrieb. Neben Unterkunft für Pferd und Reiter bietet Marion mehrtägige Wanderritte durch den Südschwarzwald an – Besichtigung des „Hüslis“ inklusive.


Ein Besuch im "Hüsli" gehört bei dieser Reittour selbstverständlich dazu.

Auch wir, drei weitere Reiterinnen und ich, sind bereits seit vier Tagen mit Marion unterwegs. Birgit hat als einzige ihr eigenes Pferd, die Friesenmix-Stute Melody, mitgebracht. Wir anderen haben von Marion Pferde zugeteilt bekommen. „Du bekommsch den Crunchy“, hatte sie mir schon am Telefon gesagt, als ich um ein ruhiges und braves Pferd bat, um gut fotografieren zu können. Crunchy ist ein etwas zu groß geratenes deutsches Reitpony, sehr brav aber mit viel Vorwärts, also genau richtig zum Wanderreiten. Anja, eine fröhliche Physiotherapeutin aus der Nähe von Köln, reitet die junge Stute Satinka und Marions Nachbarin Isabel hat die zickige Laressa zugewiesen bekommen. Ein wenig sehnsüchtig blickt sie auf „meinen“ Crunchy, den sie sonst häufig reitet. Aber „die Laressa kannsch Du keinem Fremden geben“, sagt sie mir dann und brüllt im gleichen Augenblick „Laressa, lass des endlich!“ als diese sich wieder einmal mit flach angelegten Ohren an allen anderen Pferden vorbei drängelt.

Von Ziegen und einem Chefkoch aus Malta

Auf dem Gipfel des Feldbergs liegen noch letzte Schneereste in diesen Tagen Anfang Juni. Und als wir unser erstes Etappenziel, den Kurort Menzenschwand, erreichen, weht ein bissig kalter Wind durch das weite Tal. Bäume wachsen hier erst weiter oben, die unteren Talflanken werden von großen Ziegenherden beweidet. „Dorfputzer“ werden die Ziegen von den Einheimischen auch genannt, denn die Tiere halten die Talhänge von Gebüsch und Sträuchern frei und tragen so erheblich zum Erhalt der Kulturlandschaft bei.


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Unsere Pferde finden in dieser Nacht auf einer steilen und unebenen Wiese des Ziegenbauern ihren Platz, eine einzige niedrige Litze trennt sie von der großen Freiheit. Es bleibt uns nichts anders übrig, als zu hoffen, dass die Pferde zu müde zum weglaufen sind. „Das werde ich nochmal mit ihm besprechen, wie ein ordentlicher Paddock aussehen muss“, sagt Marion, die im Verein auch für die Einweisung und Überprüfung neuer Wanderreitstationen zuständig ist. Damit der Ziegenhof offiziell in das Netz der Wanderreitstationen aufgenommen werden kann, muss die Infrastruktur noch etwas besser werden. Das Interesse am Wanderreiten ist bei den hiesigen Bauern und Gastwirten groß. Immerhin lockt ein weiteres Zubrot, das sich mitzunehmen lohnt. Auch in Menzenschwand reiht sich ein Gasthaus an das nächste. Aber, so erzählt Marion, überall sind die Reiter mit stinkenden Pferdeklamotten und dreckigen Schuhen dann doch nicht unbedingt so gern gesehene Gäste. Einige der Betriebe sind vor allem auf ältere und gut betuchte Gäste, z. B. aus der Schweiz, ausgerichtet und die mögen es eben nicht immer rustikal.

Wir kommen in einem Gästehaus unter, das bis vor kurzem noch von einem englischen Ehepaar geführt wurde. Nun stellt sich heraus, dass sich die Dinge geändert haben. Wir werden von einem jungen Mann aus Malta begrüßt, der uns offenbar nicht erwartet hat. Aber ein Bett gibt es doch für uns, und auch ein Essen vom „Chefkoch“, wie der junge Mann sich selbst bezeichnet. Das klingt doch vielversprechen und als er uns dann noch erzählt, dass die Deutschen nicht kochen können, knurrt mein Magen voller Erwartung auf die Köstlichkeiten, die da kommen mögen. Kurz darauf gibt es Fertigpizza und Hühnchen vom Discounter...

Die Pferde sind noch da, als wir am nächsten Morgen an der Wiese ankommen. Dank Regendecke müssen wir nicht viel putzen und schon bald sind wir wieder unterwegs. Das kalte Wetter hat sich über Nacht verzogen und ab jetzt zeigt sich der Schwarzwald im Postkartenidyll. Dunkle Tannenwälder, grüne saftige Wiesen, auf denen braun gefleckte Kühe grasen, und die typischen Schwarzwaldhäuser mit den tief herunter gezogenen Walmdächern ziehen an uns vorbei. Der Boden ist bedeckt mit Heidelbeersträuchern, die jetzt schon voller junger Beeren hängen. Steil windet sich der Weg nach oben, immer wieder müssen wir schmale Bächlein überqueren, die den Hang hinunter und über den Weg plätschern. Die Pferde nehmen diese Minifurten ganz gerne mal mit einem gewaltigen Satz. „Hufschuh verloren!“, ruft es dann schon mal von hinten. Satinka hat in einer matschigen Stelle einen Schuh verloren, zum Glück hat es Anja noch früh genug bemerkt, sodass er bald wieder gefunden und angezogen ist. Marions Pferde laufen alle mit Hufschuhen und das geht erstaunlich gut. Lediglich wenn es matschig wird, überprüft jeder das Pferd vor sich, ob alle Schuhe noch da sind.


Das Ufer des Schluchsees...
... lädt zum Planschen ein.

Irgendwann blitzt es blau durch den Wald und wir blicken hinunter auf den Schluchsee. Kleine Segelboote ziehen ihre Kreise, wir reiten bis zum Ufer hinunter und die Pferde planschen vergnügt im Wasser. Eigentlich wollten wir uns im Unterkrummenhof, einem Lokal direkt am See, kulinarisch für den Vorabend entschädigen, aber das Gasthaus hat wegen Umbauarbeiten leider geschlossen. Offenbar wird Platz für noch mehr Gäste geschaffen – die Anzahl der neuen Außen-Sitzplätze, die da gerade im Bau sind, lassen nur erahnen, welche Menschenmassen man hier in der Hochsaison anlocken möchte. Schade, denn eigentlich ist es hier ziemlich schön, so wie es ist. Wir rasten an einem nahe gelegenen Kiosk, zusammen mit LKW-Fahrern und dem DHL-Boten. Es gibt Bockwurst und Limonade und auch den ein oder anderen erstaunten Blick auf unsere „parkenden“ Pferde.

Bierteufel und ganz schön viel Käse

Am Abend treffen wir auf dem Kreuzhof, einer großen Wanderreitstation in Lenzkirch, eine andere Wanderreitergruppe aus dem Nordschwarzwald. Mit dabei ist auch Anja Wölfle vom Verein Wanderreiten im Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord. Marion überreicht ihr die VFD-Stafette mit der Rekener Charta, die sie ein paar Tage zuvor von Reitern aus der Schweiz übernommen hat. Die Stafette wird von Reiter zu Reiter weitergereicht und soll im September zum 40-jährigen Jubiläum der VFD im nordrhein-westfälischen Reken ankommen. Auf ihrem Weg hat sie hoffentlich zahlreiche Unterschriften und Unterstützer gesammelt, die sich für das freie Reiten in der Natur einsetzen.


Marion Dimer überreicht die VFD-Stafette mit der Rekener Charta an Anja Wölfle.

Uns erwartet an diesem Abend dann doch noch der Genuss eines guten Essens – der Kreuzhof kann gleich mit zwei Wirtschaften aufwarten – und, wer hier zu Gast ist, sollte unbedingt ein kühles Bier aus der hauseigenen Brauerei probieren. Alle 14 Tage legt der Braumeister hier noch höchstpersönlich in einer 24-Stunden-Schicht selbst Hand an und braut Rogg-Bier, Roggs Zipfel oder leichtes Landbier. Wer`s ein wenig süßer mag, der kann den „Bierteufel“ probieren, einen Likör, der flambiert im kleinen Tontässchen serviert wird.

Fröhlich beschwingt sitzen wir beisammen und ich erzähle von meinem Erstaunen am ersten Tag, als ich begriff, dass Marions Pferde allesamt nur mit Knotenhalfter und Strick geritten werden. Nach dem Putzen und Satteln wartete ich auf die Anweisung, wo die Trense zu finden sei. Ich wartete immer noch, als Marion und die anderen bereits ihre Pferde am Strick packten und losmarschieren wollten. Zugegeben: Am Anfang fühlte ich mich ein wenig wie im Auto ohne Anschnallgurt. Aber im Großen und Ganzen komme ich mit dieser Zäumung gut zurecht, außer Crunchy möchte sich einen Bissen Gras erlauben. Ich lerne bald, schon im Vorfeld die Grashalme und -büschel zu identifizieren, die für ihn interessant sein könnten. Denn nur so kann ich ihm zuvorkommen und durch direktes Annehmen des Stricks den Grasbüschel-Wunsch im Keim ersticken.


In der hofeigenen Käserei wird auf dem Schwendehof...
noch in Handarbeit Rohkäse hergestellt.

Tags darauf sitze ich mitsamt meinem Bierteufel-Kater wieder auf dem Pferd. Vier Mitglieder vom Verein Wanderreiten im Naturpark Südschwarzwald haben heute extra Urlaub genommen, um uns zu begleiten. Es ist heiß und der Geruch nach Fliegenspray liegt in der Luft. Nach etwa zwei Stunden erreichen wir unser Mittagsziel, den einsam gelegenen Schwendehof. In der hofeigenen Käserei werden hier noch auf ganz traditionelle Weise und von Hand verschiedene Rohmilchkäsesorten, Joghurt und Quark in Bioqualität hergestellt. Für uns gibt es zu Begrüßung erst mal wieder ein Bier – Rogg-Bier selbstverständlich – und danach dürfen wir uns durch alle Käsesorten und auch selbst gemachte Wurst und frischen Schwarzwälder Schinken probieren.  Das macht nicht nur meinem Bierteufel-Kater seinen Garaus, sondern schmeckt auch noch ziemlich lecker. Lothar, der freundliche Biobauer, gesellt sich gerne zu uns. Er erzählt von seinem I-Phone, das er besitzt, um die Busverbindung checken zu können, und als er dann auch noch mit seinem I-Pad Fotos von unseren Pferden macht, stelle ich fest: Tradition und Bio hin oder her – auch hier oben, in der schönen Schwarzwaldidylle ist der digitale Fortschritt längst angekommen.

Wanderreiterparadies Südschwarzwald

So vergehen die Tage wie im Flug, wir reiten im Grunde genommen einmal um den Schluchsee herum, immer zwischen 20 und 30 Kilometer pro Tag. Der Schwarzwald verfügt über ein dichtes und gut beschildertes Wegenetz. Einziger Wermutstropfen: Gerade die schmalen und verwunschenen Trampelpfade sind für Reiter verboten. Da hat man im Wanderland Schwarzwald dann doch zu große Angst, dass verschiedene Interessen aufeinanderstoßen und zu Konflikten führen könnten. Doch es gibt genügend wunderschöne Wege, die übrig bleiben, um zu Pferd erkundet zu werden.


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Oftmals säumen große, runde Felsen unseren Weg, die eiszeitliche Gletscher hier vor Tausenden von Jahren hinterlassen hat. Mal reiten wir durch urige Bannwälder, dann wieder verlassen wir den Wald und es eröffnen sich wunderschöne weite Ausblicke auf die Berge und Täler ringsum. In klaren Bächen entdecken wir kleine Forellen und auf den Wiesen stehen Frühjahrsblüher dicht an dicht. Mittags kehren wir meistens irgendwo ein und die Fertigpizza aus Menzenschwand ist nur noch eine lustige Erinnerung, über die wir gerne lachen.

Als ich wusste, dass ich diese Reittour im Südschwarzwald begleiten würde, dachte ich sofort an früher. Ich dachte an meine wanderlustige Mutter, die meinen Vater, meine Schwestern und mich nur allzu gerne zum Sonntagsspaziergang oder zum Beeren sammeln rund um Hinterzarten oder den Titisee überredete. Als Kind hätte ich mir durchaus besseres vorstellen können, zumal mir im Auto spätestens im Höllental mit seinen unzähligen Kurven stets speiübel wurde. Jetzt, fast 30 Jahre später und nach sechs Tagen zu Pferd rund um den Schluchsee, bin ich eindeutig vom Schwarzwaldvirus befallen. Der Schwarzwald meiner Kindheit hat sich zum Wanderreiterparadies gemausert. Und von den vielen guten Heidelbeerstellen muss ich unbedingt meiner Mutter erzählen...

 
 
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