Wacholder, Karst und lange Ohren:

Eine Maultierreise über die Schwäbische Alb

Text und Fotos: Heike & Martin Gruber

Die Schwäbische Alb gilt als rau und karg, doch für Wanderreiter hat das Mittelgebirge im Süden Deutschlands einiges zu bieten. Herrliche Buchenwälder und schroffe Kalkfelsen wechseln sich ab mit herber Wacholderheide und luftigen Hochflächen, von denen man bei guter Sicht bis in die Alpen blicken kann. Wer diese besondere Landschaft auf einem besonderen Reittier entdecken will, der sollte mit Julia Krüger auf Tour gehen. Auf dem Rücken eines Maultieres lernt man mit ihr Land und Leute kennen. Auf eines sollte man sich allerdings gefasst machen: Die „Älbler“ schwätzet gern und viel – nur kein Hochdeutsch. 

Es ist 22:00 Uhr, stockfinster und der holprige Feldweg, den wir entlang fahren, führt geradewegs aus dem kleinen Dorf Mehrstetten hinaus in die Dunkelheit. Weit und breit ist nichts zu sehen, kein Haus, kein Licht, nur schwarze Nacht. Da sagt die freundliche Damenstimme in unserem Navi: „Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Ratlos blicken wir uns an und stoppen das Auto. Unser Ziel, das ist der Albhof der Familie Reutter, Heimat des Wanderreitbetriebs von Julia Krüger, und rund 50 Kilometer südlich von Stuttgart mitten auf der Schwäbischen Alb gelegen. Noch während wir überlegen, ob wir umdrehen oder weiterfahren sollen, blitzt auf einmal in der Ferne doch ein Licht zwischen ein paar Bäumen hervor. „Du, ich glaube da hinten ist was“, sagt Martin. Das Nachschauen lohnt sich. Kurze Zeit später werden wir von Julia Krüger mit kräftigem Händedruck begrüßt. „Ich habe doch extra das Hoflicht angemacht“, sagt sie und lacht über uns „Städter“, die wieder mal dem Navi Glauben geschenkt haben. 

Unser erster Gang führt uns, wohin auch sonst, in den Stall. Wir sind furchtbar neugierig auf Julias Vierbeiner, denn zu ihrem „Team“ gehören nicht nur Pferde, sondern vor allem waschechte Maultiere, auch Mulis genannt. Die langen Ohren und das samtige Mehlmaul haben die Mulis von ihren Esel-Vätern geerbt, alles „pferdige“ von der Mutter. Zwölf solcher Langohren nennt Julia ihr Eigen und hat damit einen der größten privaten Maultierbestände in Deutschland. 


Eine miauende Katze auf dem Rücken stört Lukas nicht.
Das samtige Mehlmaul und die langen Ohren haben die Mulis von ihren Esel-Vätern geerbt.

Vier Mulis und ein Pferd werden uns auf unserem viertägigen Wanderritt über die Schwäbische Alb begleiten. Da ist die Freiberger-Mulistute „Ellie“, eine langbeinige und elegante Schönheit. Da ist „Pablo“, ein spanischer Maultierwallach und ein richtiger Schmusebär, wie Julia sagt. Mit von der Partie sind auch „Bubble“, die große Tinker-Maultierstute mit den weißen Strümpfen und Julias Führ“pferd“, und der kleine Lukas, der als Packtier mitläuft und sich mit seinen lustigen Kulleraugen sofort bei allen beliebt macht. Der Konikwallach „Igor“ ist das einzige Pferd bei unserer Tour.

Wir lassen den Abend und den langen Tag der Anreise bei einem Bier ausklingen und Julia erzählt von den Anfängen ihres Betriebes. Die gelernte Jugendreferentin mochte die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, wusste aber auch, dass sie dies nicht ihr Leben lang machen wollte. Sie zog rechtzeitig die Reißleine. „Man soll am besten dann aufhören, wenn einem die Dinge noch Spaß machen“, sagt Julia dazu ganz einfach. 1998 ging sie deshalb neue Wege und gründete ihren Wanderreitbetrieb „Mit Pferden auf dem Weg - Wanderreiten auf der rauen Alb“. Schon damals knüpfte Julia auch erste Kontakte zur Deutschen Wanderreiter-Akademie, deren Mitglied sie noch heute ist. 2007 fand dann das erste Maultier – Lukas mit den Kulleraugen – seinen Weg zu ihr. Und es sollte nicht bei diesem einen bleiben. Schnell erlag sie dem Charme dieser eigenständigen und klugen Tiere, von denen mancher noch immer denkt, man könne sie nicht bequem reiten oder sie seien einfach nur stur wie ein Esel.

Genussreiten im Biosphärengebiet

Am nächsten Morgen stößt Sigrid zu uns, und unsere kleine Gruppe ist komplett, sodass wir die Pferde, quatsch, die Mulis fertig machen können. Der erste Kontakt ist noch etwas vorsichtig. Die Mulis betrachten uns ganz offensichtlich ein wenig misstrauisch. Das sei typisch für diese Tiere, die einen starken Charakter haben und nicht jedem sofort zugetan sind, sagt Julia. Nun gut, denke ich mir. Wir werden sehen, ob und wann ich mit Pablo warm werde, der sich nicht so gerne von mir am Bauch putzen lässt und von seiner angeblichen Verschmustheit kann ich auch erst mal so gar nichts bemerken. Kurze Zeit später geht es los, das erste Stück wird geführt und dann hilft uns Julia beim aufsteigen. „Was nimmst Du denn den Zügel so kurz, er macht doch gar nichts“, fährt mich Julia an. Hoppla, schnell lasse ich den Zügel hängen, fühle mich ertappt und auch ein wenig beleidigt. Ihre direkte Art muss man schon vertragen können, wenn man mit Julia unterwegs ist. 


Fotostrecke
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Doch ab jetzt ist nur noch Genussreiten angesagt, da können auch die Regenschauer nichts dran ändern, die immer wieder mal vorbeiziehen. Auf saftigen grünen Wiesen und an kühlen Waldrändern tummeln sich wilde Küchenschelle, Schlüsselblumen, Veilchen und viele andere Frühjahrsblüher. Kein Wurz, kein Kraut am Wegesrand, das Julia nicht bei Namen kennt. Der Frühling hat die Natur zur Explosion der Farben gebracht und ständig wandelt sich das Landschaftbild. Eben noch sind wir durch einen frischen Laubwald in leuchtenden Grüntönen geritten, schon führt unser Weg wieder vorbei an lichten Magerrasen mit weiten Ausblicken über die Alb. Eine Landschaft, die über Jahrhunderte durch menschliches Wirtschaften geschaffen wurde und die wegen ihrer Einzigartigkeit 2008 vom Land Baden-Württemberg zum Biosphärengebiet und 2009 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt wurde. Typisch für die Albhochfläche sind die Heiden voller Wacholderbüsche. Große Schafherden sorgen dafür, dass diese Kulturlandschaft erhalten bleibt. So auch die der Schäferei Fauser, wo wir die erste Nacht verbringen. Rund 900 Mutterschafe, 10 Böcke und jedes Jahr fast 1.000 Lämmer halten den Familienbetrieb gehörig auf Trab. Für Schäferromantik ist da nicht viel Platz. Zum Abendessen gibt es Geschnetzeltes – natürlich vom Schaf – und geschlafen wird im Heubett, ganz ursprünglich und rustikal. Das Geblöke der Schafe begleitet uns in den Schlaf.

Weißer Jurakalk im Glastal

Der nächste Morgen begrüßt uns leider mit viel Regen und wenig Sonne. Die Mulis sind tropfnass und wir beeilen uns mit Putzen und Satteln. Erst später fällt mir auf, dass Pablo heute Morgen schon viel ruhiger war, als ich ihn fertig gemacht habe. Später beim Picknick, als wir die Mulis am Hochseil anbinden, legt er plötzlich seinen Kopf auf meine Schulter und lässt sich genüsslich von mir im Gesicht kratzen. Das Eis ist gebrochen. Auch der Regen hat aufgehört und wir können in aller Ruhe die regionalen Köstlichkeiten verspeisen, die Julia auf einer bunten Tischdecke im Gras ausgebreitet hat. Das frisch gebackene Brot schmeckt perfekt zusammen mit dicken Scheiben Wacholder-Käse oder Lyoner vom Schaf, die Julia noch am Abend vorher bei der Schäferin Regina Fauser erstanden hat. 


Durch das Glastal, eines der schönsten Täler auf der Schwäbischen Alb, fließt einer der seltenen Bäche.

Am Nachmittag geht es durch eines der schönsten Täler am Südrand der Schwäbischen Alb, das Glastal. Schroff ragen die weißen Kalkfelsen an den Talflanken hervor, die ein Jurameer vor Jahrmillionen hier abgelagert hat. Mit etwas Glück findet man noch heute kleine Meeresfossilien im weißen Geröll auf Feldern und Wegen. Immer wieder entdecken wir Höhlen, die das Wasser über Jahrtausende hinweg im weichen Kalkstein geformt hat. Das Glastal ist auch ein beliebtes Ziel für Wanderer, doch heute begegnen wir lediglich einem Stockentenpärchen, das entrüstet aufflattert, als wir vorbeireiten. Erst am Talausgang, bei einer sprudelnden Karstquelle, treffen wir wieder auf Menschen. In dem zerklüfteten Kalkgestein der Schwäbischen Alb versickert jegliches Wasser fast auf der Stelle, um in Karstquellen, wie dieser am Ausgang des Glastals, wieder zu Tage zu treten. „Wenn Du mit Pferden oder Maultieren hier unterwegs bist, muss Du immer schauen, wo Du die Tiere mal tränken kannst“, erzählt Julia. Denn Oberflächengewässer sind Mangelware auf der Alb. Auch wir reiten immer wieder durch sogenannte Trockentäler. Die Bäche, die diese Täler einmal formten, sind schon lange verschwunden.

Eine gehörige „Viecherei“!

In einem kleinen  Dorf mit dem ungewöhnlichen Namen „Upflamör“ werden wir am Abend auf der Wanderreitstation „Vöhringers Viecherei“ bereits erwartet. Kein anderer Name wäre passender für diese Wanderreitstation, denn neben Siegbert und Christine Vöhringer und ihren drei Kindern leben hier auch noch unzählige Tiere: Stallhasen, Ziegen, Hühner, Enten, ein Pony, Katzen, zwei Hunde, Gänse und die beiden riesigen Schweine „Dosenwurst“ und „Schnitzel“. Einzig ein paar Kühe fehlen dem tiernarrischen Hofherrn noch zu seinem Glück, wie er uns berichtet.

Die Mulis dürfen sich nach dem langen Tagesritt endlich genüsslich wälzen, im Schwäbischen heißt das übrigens „walâ“. „Ausgiebiges wälzen ist für Mulis ein absolutes Muss, wenn sie keine Möglichkeit dafür bekommen, leiden sie“ erzählt Julia. Tatsächlich werfen sich Ellie, Pablo, Bubble und Lukas immer wieder auf die Wiese, drehen sich genüsslich hin und her, stehen dann nur kurz auf, um direkt wieder ins Gras zu sinken und sich grunzend den Rücken zu schubbern. So ein ausgiebiges Wälzen kenne ich von Pferden tatsächlich nicht. 


Im wildromantischen Wolfstal: Der schmale Pfad zwängt sich durch moosbedeckte Felsen.

Auch am nächsten und dritten Tag unseres Wanderrittes über die Schwäbische Alb erwartet uns ein landschaftliches Highlight: das Wolfstal. Wildromantisch und ein Traum in Grün ist dieses Tal, mit steilen, steinigen Hängen. Der schmale gewundene Pfad zwängt sich durch mit zarten Gräsern und dicken Moospolstern bedeckten Fels, man wähnt sich in einem Zauberwald. Einst soll hier ein Rudel Wölfe gelebt haben, heute ist das Tal vor allem für die Blüte tausender Märzenbecher bekannt, einen seltenen Frühjahrblüher, der strengstem Schutz unterliegt. 

Ein Wald wie eine Kathedrale

Nach einer letzten Nacht, die wir auf der "Wanderreitstation Holzmann" verbringen, reiten wir am letzten Tag der Tour bei Sonnenschein, aber auch einer ziemlich frischen Brise auf direktem Weg zurück in Richtung Mehrstetten. „Auf der Alb ist es immer einen Kittel kälter“, hatte Julia schon am ersten Tag zu uns gesagt, und jetzt bin ich froh, dass ich nach einigem Überlegen doch meine Wintermütze eingepackt habe. Erst im Wald sind wir wieder vor dem kalten Wind geschützt. Mächtig und stolz stehen hier die Buchen dicht an dicht. Fast wie in einer Kathedrale erheben sich ihre glatten geraden Stämme zum Himmel empor, ihre Blätter und Zweige bilden ein grünes schützendes Dach hoch über unseren Köpfen. Nicht umsonst werden diese Wälder auch Hallenwälder genannt. 


Nun ist es nicht mehr weit bis zum heimatlichen Albhof.

Nun ist es nicht mehr weit bis zum heimatlichen Albhof. Wir reiten schweigend, entspannt wackeln Pablos lange weiche Ohren im Takt seines Schrittes, vor und zurück, vor und zurück. In den letzten vier Tagen ist mir der brave Mulimann wirklich ans Herz gewachsen. Und auch die anderen Mulis haben gezeigt, dass sie den Pferden in nichts nachstehen. Überhaupt kann ich Julia nach diesem viertägigen Wanderritt gut verstehen, die sich für die Mulis und für die Schwäbische Alb entschieden hat. Irgendwie passen sie aber auch wirklich gut zusammen, Julia, die Maultiere und die Alb – alle auf den ersten Blick ein wenig rau, ein wenig kantig, aber nach anfänglicher Zurückhaltung so herzlich und gastfreundlich. Bleibt uns allen nur zu wünschen, dass Julia Krüger noch lange nicht wieder die Reißleine zieht!

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